Tagblatt Online, 26. Mai 2012 01:06:00
Ohrfeige für den Kapitalismus
Auf der Bühne ein Paar: Die Schüler Vera Reusser und David Bissegger; Musiklehrer Oliver Hauser (in der Mitte im weissen Hemd) zeigt den weiteren Darstellern, wie sie die Szene spielen sollen. (Bild: Andrea Kern)
In der Sekundarschule Bruggfeld führen Schülerinnen und Schüler das Singspiel «Kein schöner Land» auf. Geschrieben und komponiert hat das Stück Musiklehrer Oliver Hauser. Er kritisiert darin die Konsumgesellschaft. Premiere ist am 8. Juni.
ANDREA KERN
SITTERDORF. Er nimmt ihre Hand sorgfältig in seine, streichelt sie, hebt langsam den Kopf und schaut sie sehnsüchtig an. Sie lehnt sich an seine Schulter. Verträumt. Vera und David sind verliebt – zumindest im Singspiel «Kein schöner Land». Zurzeit proben 20 Schülerinnen und Schüler der dritten Sekundarklasse im Bruggfeld für die Aufführungen im Juni. Musiklehrer Oliver Hauser hat die Texte geschrieben und die Musik komponiert. Gemeinsam mit der Theaterpädagogin Charlotte Kehl führt er die Regie.
Heikles Thema ausblenden
Als eine «Ohrfeige an den Kapitalismus» wird das Stück angekündigt. «Ich bin je länger je mehr kein Freund des kapitalistischen Denkens und versuche so wenig wie möglich, danach zu leben», erklärt Oliver Hauser. «Es ist doch verrückt, wie wir oft das Gefühl haben, wir hätten alles im Griff.» Als Beispiel nennt er den Umgang mit der Natur, die auch im Musical eine Rolle spielt. Vordergründig wisse man, dass man die Umwelt schützen muss, und erwartet das auch von allen anderen. «Gleichzeitig sind wir froh, wenn ein heikles Thema oder ein Unglück möglichst schnell wieder aus den Medien verschwindet, wie kürzlich das Gasleck auf einer Bohrinsel in der Nordsee.» So müsse man sich nicht mehr damit auseinandersetzen. Und dahinter stecke noch mehr: «Das ist deshalb, weil jene, die viel Geld haben, auch die Fäden in der Hand halten.»
Revolution gegen den König
Die Handlung des Musicals hat Oliver Hauser gemeinsam mit den Jugendlichen erarbeitet. «In Diskussionen versuchten wir herauszufinden, wie wir in der Gesellschaft funktionieren. Ich merkte, dass dieses Thema die Jugendlichen berührt.» Schliesslich hat er seine Kritik am kapitalistischen System wie folgt umgesetzt:
Ein Land namens «Schönland» wird von einem protzigen, kapitalistischen König regiert, der alle Untertanen gleich machen möchte. Bereits Kinder werden möglichst früh in dieses System integriert. So kennen sie als Jugendliche auch nichts anderes und finden das gut. Sie haben wasserstoffblonde Haare, spritzen Botox, damit sie schön sind, und sind immer online. Plötzlich tauchen zwei Teenager auf, die vollkommen anders sind. Sie spielen Instrumente, sind gerne in der Natur und zeigen den anderen auf, dass es noch anderes gibt im Leben. Daraufhin lehnen sich die Jugendlichen gegen den König auf, und es gibt eine Revolution.
Auf eine satirische und humorvolle Weise soll das Stück zum Nachdenken anregen. «Das Schöne am Musical ist, dass man das Thema überspitzt darstellen kann», sagt Oliver Hauser.
«Theaterspielen macht Spass»
Vera Reusser und David Bissegger spielen die zwei Verliebten. Vera steht nicht zum erstenmal auf der Bühne. «Ich hatte in der Primarschule die Hauptrolle in einem Musical», sagt sie. «Theaterspielen macht mega Spass.» Für sie war klar, dass sie sich für das Singspiel meldet. David spielt zum erstenmal Theater. «Ich dachte, ich probier es aus.» Und es gefällt ihm: «Es ist spannend, mal eine andere Person zu sein.»
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