St.Galler Tagblatt Online, 19. Juli 2012 07:17:00
Der Countdown läuft
Bereit zur Abreise: Nico Stahlberg auf der Veranda seines Elternhauses in Schönenberg. (Bild: Georg Stelzner)
SCHÖNENBERG. Gerade einmal 102 Athleten aus der Schweiz dürfen an den Olympischen Sommerspielen in London teilnehmen. Einer davon ist der Ruderer Nico Stahlberg aus Schönenberg. Als 20-Jähriger kann er sich diesen Traum bereits erfüllen.
GEORG STELZNER
Nur noch wenige Tage trennen Nico Stahlberg vom Flug nach London, etwas mehr als eine Woche vom ersten Antreten bei der olympischen Regatta. Nervosität verspürt der Schönenberger, Mitglied des Schweizer Doppelvierers, trotzdem nicht. «Zuvor steht ohnehin noch ein letztes Training in der Nähe von Bordeaux auf dem Programm, und das lenkt ab», sagt der Ruderer. Völlig aus seinen Gedanken verbannen kann und will Nico Stahlberg den vorläufigen Karrierehöhepunkt freilich nicht.
Mit Buch und Lieblingsmusik
Zu Hause warten die offiziellen Koffer und Taschen darauf, bepackt zu werden. Ausser für die Ausrüstung bleibt nicht viel Platz für andere Dinge. Nach London mitnehmen wird Nico Stahlberg mit Sicherheit ein Buch. «Ich lese gerne Biographien, vorzugsweise von Sportlern, und auch mit einem Thriller kann ich mich gut unterhalten», verrät er. Mit dabei sein werde auch Musik von den Red Hot Chili Peppers und den Kings of Leon. «Und wenn dann noch Platz ist, auch das eine oder andere Stück St. Galler Biber», eine Süssigkeit, die sich der junge Sportler hin und wieder gönnt.
Triebfeder ist die Freude
«Olympia ist kein Hirngespinst» titelte die Thurgauer Zeitung am 4. Februar 2011. Nico Stahlberg erinnert sich an diese Schlagzeile. Es ist ein leiser, bescheidener Stolz, der ihm ins Gesicht geschrieben steht. Die Pose des Triumphators liegt ihm nicht. Selbst die Genugtuung, es allfälligen Zweiflern gezeigt zu haben, hält sich in Grenzen. «Es ist die Freude an diesem Sport, die mich antreibt, und nicht der Ehrgeiz, um jeden Preis an Olympischen Spielen teilnehmen zu wollen.»
Die Qualifikation für London habe sein Leben insofern verändert, als ihn jetzt viele Leute auf der Strasse erkennen würden. «Das ist für mich schon noch speziell», räumt der 1,92 m grosse Athlet ein. Im Verhalten seiner Kollegen und Bekannten habe sich jedoch nichts verändert, und auch an seinem Wohnort könne er der Bevölkerung so begegnen wie in den Jahren zuvor. Offen gezeigte Missgunst angesichts seines Aufstiegs vom Nachwuchstalent zum Teilnehmer an Olympischen Spielen sei ihm erspart geblieben, sagt Stahlberg. Es habe jedoch Leute gegeben, die sich über den enormen Aufwand für den Sport gewundert hätten, allen voran seine Grossmutter. Inzwischen habe sie ihre Skepsis aber abgelegt und gehöre zu seinen grössten Fans. «Es freut mich, dass ich durch meine Leistungen auch Personen fürs Rudern begeistern kann, die sich für diesen Sport sonst nicht interessiert hätten.»
Lohn für Entbehrungen
Das Gefühl, seine Jugend dem Leistungssport geopfert zu haben, hat Nico Stahlberg nicht. «Natürlich musste ich auf einiges verzichten, doch ich wurde durch viele tolle Erfahrungen entschädigt.» Er habe interessante Menschen kennengelernt und die guten Freunde trotz seiner häufigen Abwesenheit nicht verloren.
Einen hohen Stellenwert hat in Nico Stahlbergs Leben die Familie. Zu Hause, bei den Eltern und den Zwillingsschwestern Eva und Kim Jana, könne er, befreit von jeglichem Leistungsdruck, ganz Mensch sein. «Ein intaktes familiäres Umfeld erleichtert vieles», weiss der junge Sportler dieses Privileg zu schätzen. Speziell ist die Beziehung zu Vater Paul, der ebenfalls aktiver Ruderer war. «Es kommt gelegentlich vor, dass er mir etwas rät, ich jedoch ganz anderer Meinung bin», räumt Nico Stahlberg ein. Getrübt werde das Verhältnis dadurch nicht.
Diese besondere Konstellation habe ihn weder gehemmt noch zu einem übertriebenen Ehrgeiz angestachelt. «Letztlich habe ich von der Erfahrung meines Vaters viel profitiert.» Die Eltern – auch Mutter Marianne ruderte – hätten ihm den Weg gezeigt, gegangen sei er ihn aber selber und aus freien Stücken, betont Nico Stahlberg.
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