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Tagblatt Online, 04. Mai 2012 08:04:00

Der Chef beharrt auf einer Antwort

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Lokalhistoriker Thomas Ledergerber mit zwei ehemaligen Mitarbeiterinnen der Zwirnerei in Ennetaach: Der 86jährigen Erika Fey und der 80jährigen Olgi Müller. (Bild: Georg Stelzner)

«Unser Unternehmen ist leider gezwungen, die Produktion am Standort Erlen aus wirtschaftlichen Gründen einzustellen. Wir bedauern sehr, durch diese Massnahme Frau M. nicht weiter beschäftigen zu können.» Dieses Schreiben der Firma Bäumlin & Ernst AG datiert vom 30. September 1996.

Viele haben ein solches erhalten, für die meisten stellte es eine schmerzhafte Zäsur in ihrem Leben dar. Es waren Sätze, die das Ende einer Ära markierten, die während über 100 Jahren Ennetaach, den Ort und seine Bewohner, stark geprägt hatte. Es war die Zeit, als das Dorf im Aachtal ein bedeutender Zwirnerei-Standort war.

Italienisch für Werkmeister

Thomas Ledergerber hat dieses Kapitel der Oberthurgauer Wirtschaftsgeschichte in einem reich illustrierten Werk aufgearbeitet. Akribisch hat der Erler Lokalhistoriker 2011 in Archiven geforscht und in vielen Gesprächen mit Zeitzeugen wertvolle Informationen zusammengetragen. Sein erster Kontakt mit der Zwirnerei in Ennetaach liegt freilich viel weiter zurück. «Vor rund 50 Jahren sollte ich den Werkmeistern Italienisch, die Muttersprache der meisten Zwirnerinnen, etwas näherbringen», erinnert sich Ledergerber. In mehreren Aufenthalten in Italien, hauptsächlich in Venedig und Florenz, habe er sich die Basis für diesen Unterricht angeeignet.

50 Ehemalige eingeladen

Italienisch wird gelegentlich auch während der Vernissage gesprochen, an der Ledergerber seine neueste Arbeit vorstellt. Es ist keine gewöhnliche Präsentation. Sie findet in einem Raum auf dem Areal der ehemaligen Zwirnerei statt, dort, wo heute die Firma Signer angesiedelt ist. Seine besondere Note verdankt der Anlass dem Umstand, dass die Einladung auch an 50 ehemalige Beschäftigte der Zwirnerei ergangen ist. Und so sind an diesem Nachmittag nicht wenige Frauen und Männer anwesend, die durch ihre Auskünfte einen wichtigen Beitrag zum Zustandekommen der historischen Abhandlung beigetragen haben.

Für Maschine zu jung

Zu diesen Zeitzeugen gehört auch Olgi Müller. Am 1. April 1946 nahm die Bauerntochter ihre Tätigkeit in der Zwirnerei auf. Sie sollte ihrem Arbeitgeber 47 Jahre treu bleiben. Sie sei erst 15 gewesen und gerade aus der Primarschule gekommen, erzählt sie. «Dass ein junges Mädchen einen Beruf erlernt, war damals nicht üblich, und nach dem Tod meines Vaters musste ich sofort Geld verdienen und mithelfen, die Familie zu ernähren.»

An einer Maschine durfte Olgi Müller zu Beginn nicht arbeiten. Dafür war sie noch zu jung. Im Laufe der Jahrzehnte wurde sie dann aber für fast alle Arbeiten eingesetzt, die es im Betrieb gab. «Die Zwirnerei beschäftigte vor allem Frauen, aber Vorarbeiter waren doch meistens Männer.»

Auch im Akkord wurde anfänglich gearbeitet. Es gab die 48-Stunden-Woche, der Samstagvormittag war nicht frei, und der Lohn wurde alle 14 Tage ausbezahlt. Zu Beginn sei es noch gemütlich zu und her gegangen; zu ihren Kolleginnen hätten viele ältere Frauen gehört. Im Laufe der Jahre habe die Hektik zugenommen. Über ihr Schicksal mag sich Olgi Müller nicht beklagen. Ihr Arbeitsplatz sei schön, der Chef angenehm gewesen. Eine Einschränkung macht sie dann doch: «Herrn Ernst auf eine Frage zu antworten, das wisse man nicht, war nicht ratsam. Das duldete er überhaupt nicht.»

Schreiben und rechnen

Ein Jahr später als Olgi Müller trat Erika Fey in die Zwirnerei ein. Sie war bereits 22 und hatte zuvor in der Erler Trikotfabrik Forster gearbeitet. Mit der Produktion hatte sie nie direkt zu tun. «Ich war im Büro und begann dort damit, einem älteren Fräulein zu helfen, Aufträge zu schreiben und den Zahltag der Belegschaft zu berechnen», berichtet Erika Fey, die zeitlebens bei ihrer Mutter blieb, um für sie zu sorgen. Auch diese Familie hatte früh den Vater verloren.

Erika Fey fühlte sich an ihrem Arbeitsplatz ebenfalls wohl. «Ich kann wirklich nichts Schlechtes über meine 39 Jahre in der Zwirnerei sagen.» Nur einmal, als der Disponent pensioniert und ersetzt wurde, habe sie zunächst etwas gelitten. «Mit dem Nachfolger verstand ich mich nicht mehr so gut.» Durch den Kontakt mit Thomas Ledergerber seien viele Erinnerungen in ihr wach geworden, sagt Erika Fey. Sie habe der Einladung zur Vernissage gern Folge geleistet. Selbst im Bewusstsein, nicht mehr allzu viele bekannte Gesichter anzutreffen. Georg Stelzner




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