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Tagblatt Online
16. Februar 2016, 10:55 Uhr

Im neuen Leben fast angekommen

Neues Zuhause mit Blick auf den Bodensee: Heidi Visini in der Küche ihrer neuen Wohnung im Altersheim. Zoom

Neues Zuhause mit Blick auf den Bodensee: Heidi Visini in der Küche ihrer neuen Wohnung im Altersheim. (Bild: Reto Martin)

Das Ehepaar Visini musste aus gesundheitlichen Gründen das eigene Haus verlassen. Vier Monate waren sie unglücklich im Pflegeheim. Jetzt haben sie eine Wohnung im Altersheim in Romanshorn und blühen wieder auf. Es hätte schneller gehen können, sagt der Kesb-Präsident.

IDA SANDL

ROMANSHORN. Von der Küche aus sieht man den Bodensee. Nicht nur einen kleinen Streifen, sondern endloses Blau. «Hier ist der Schrebergarten unserer früheren Putzfrau», sagt Heidi Visini und zeigt mit dem Finger auf ein braun-grünes Quadrat unterhalb des Fensters.

Heidi und Toni Visini sind angekommen in der neuen Wohnung. Zwei geräumige Zimmer, Küche, Balkon im fünften Stock des Alterszentrums Holzenstein. Im Südosten liegen Romanshorn und der Säntis. Seit einem Monat wohnen sie jetzt hier. Es war die zweite Wahl des Ehepaares, die erste wäre die Rückkehr ins eigene Haus in Kesswil gewesen.

Lange Geschichte

Das sei unmöglich, erklärten die Ärzte, nachdem zuerst Heidi Visini (87 Jahre) und ein paar Tage später Tony Visini (90 Jahre) gestürzt sind. Deshalb wurde das Ehepaar ins Pflegeheim Seerose in Egnach eingewiesen. Dort waren die Visinis nicht glücklich. Sie fühlten sich wie eingesperrt in ihrem Zimmer. In der Seerose leben viele demente Menschen. Der Anblick von Demenz sei schwer zu verkraften, wenn man selber schon ein gewisses Alter habe, sagt Heidi Visini. Was ursprünglich als kurzer Zwischenhalt gedacht und angekündigt war, zog sich vier Monate hin. Nachdem die Visinis in der Seerose waren, wurde die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde Kesb eingeschaltet. Sie musste entscheiden, wie und wo das Paar in Zukunft leben sollte.

Das gebrechliche Ehepaar könne «aus medizinischen und pflegerischen Gründen» nicht mehr im eigenen Haus leben, sei für die Kesb rasch klar gewesen, sagt Andreas Hildebrand, der Präsident der Kesb Arbon.

Dann sei der Druck von aussen gekommen. Der Hintergrund: Die Visinis waren in Kesswil sehr gut integriert. Freunde und Nachbarn sorgten sich um das Ehepaar, weil es in der Seerose so unglücklich war. Die Freunde und Nachbarn hätten in der Rückkehr ins Haus nach Kesswil die einzig richtige Lösung für die Visinis gesehen, sagt Hildebrand: «Sie konnten nicht verstehen, warum die Kesb Bedenken hatte.»

Gutachten von Spezialisten

Da habe sich die Kesb entschieden, ihre eigenen Befunde «durch teure und langwierige Gutachten von Spezialärzten» überprüfen zu lassen. Damit habe man auch Vorwürfen vorbeugen wollen. Das habe enorm viel Zeit gekostet und den Umzug ins Haus Holzenstein verzögert. Hildebrand wendet ein, dass die Freunde und Nachbarn sicher das Beste für Heidi und Toni Visini wollten.

Das Beispiel zeigt aus seiner Sicht: «Dass Interventionen von aussen die Arbeit der Kesb auch erschweren, die Abklärungen verteuern und die unbefriedigende Lage der Betroffenen unnötig in die Länge ziehen können.»

Mittlerweile ist dem Ehepaar Visini bewusst, dass das Leben im eigenen Haus mit Garten sie eher überfordern würde. «Uns geht es gut hier», sagt Toni Visini. Seine Frau schwärmt von der Aussicht. Sie komme nicht zum Lesen, weil sie immer aus dem Fenster schauen müsse.

Sie will nicht mehr ins Haus

Leicht ist die Umgewöhnung trotzdem nicht. «Ich merke, dass ich Hilfe brauche», sagt Heidi Visini. «Aber im Kopf will ich es noch nicht wahrhaben.» Sie war seit ihrem Sturz nur ein paarmal in ihrem Haus, sie drücke sich davor. Zumindest konnten sie die eigenen Möbel mit in die neue Wohnung nehmen. Ein Freund hat ihnen Pläne des Appartements gezeichnet, das sei hilfreich gewesen. Vor kurzem sei ein Nachbar mit Heidi Visini am Haus vorbeigefahren. Ganz langsam. Ob sie aussteigen wolle, habe er gefragt. Sie wollte nicht: «Ich bin ein Feigling.»

Die Visinis sind entschlossen, ihr neues Leben zu geniessen. Sie habe im Holzenstein schon eine Schulkollegin getroffen, erzählt Heidi Visini. Vor ein paar Tagen waren sie am See spazieren. Bald wollen sie mit ihren treuen Freunden einen Ausflug ins Romanshorner Zentrum wagen. Ein bisschen posten, ein wenig bummeln.



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