Rollentausch im Klassenzimmer

ROMANSHORN ⋅ «Verkehrte Welt» an der Kantonsschule. Für einen ganzen Tag war nicht ein einziger Lehrer anwesend. Und auch die Schulleitung war weg. Die Beteiligten ziehen eine positive Bilanz. Auch wenn nicht alles genau nach Plan lief.
27. September 2017, 05:19
Maria Keller

Maria Keller

maria.keller@thurgauerzeitung.ch

Marc Dönni sass für einen Tag hinter dem Pult von Stefan Schneider in dessen Büro. Der 17-Jährige war am 19. September Rektor. Es war der Tag, als alles anders war als sonst an der Kanti Romanshorn. Die Schüler der Klassen der 3. GMS und der 3. FMS wechselten die Seiten und übernahmen die Rolle der 85 Lehrer und der Schulleitung.

Die Idee kam von Schneider, der sich vom Gymnasium Unterstrass/ZH inspierieren liess. Dort ist es seit Anfang 2000 Tradition, die Schule für einen Tag in die Hände der Schüler zu legen. Dieses Projekt faszinierte den Rektor, da es den Schülern Selbstverantwortung überbindet, die sie im normalen Schulalltag nicht haben. Er habe schon länger darüber nachgedacht, an der Kantonsschule Romanshorn ein ähnliches Experiment zu starten, sagt Schneider.

Die Premiere war erfolgreich. Davon geht Schneider anhand der Rückmeldungen der Schüler jedenfalls aus. Live dabei sein konnte er nicht. Denn die gesamte Lehrerschaft einschliesslich dem Schulleiterteam und Mitarbeitern verbrachte den Tag an einer Retraite in Flüeli-Ranft OW. Lediglich einzelne Mitarbeiter befanden sich noch im Schulhaus.

«Vertrauen in die Schüler ist das Allerwichtigste.»

Ob man sich bei der Vorstellung der «Schülerlehrer» im Lehrerzimmer überhaupt entspannen konnte? «Die Nacht zuvor habe ich mir schon viele Gedanken dazu gemacht», sagt Schneider. Schliesslich sei aber neben einer guten Vorbereitung vor allem das Vertrauen in die Schüler und in das Gelingen des Projekts das Allerwichtigste. Dies will der Rektor besonders betonen. «Dafür lohnt es sich, auch einmal ‹Experimente› dieser Art zu wagen.» Da gehöre es auch dazu, sein Büro der jugendlichen Schulleitung zur Verfügung zu stellen, ohne diese dabei von Securitas bewachen zu lassen. Gewisse Dokumente hat er natürlich weggeräumt. Auch das Chemielabor war am betreffenden Tag gesperrt.

Die «Schülerlehrer» durften aber im Lehrerzimmer Kaffee trinken, wie es die Fachlehrer tagtäglich tun.» Eine Möglichkeit, welche die Jugendlichen auch gut und gerne nutzten. Die jeweiligen Lektionen bereiteten sie zuvor mit den Fachlehrern vor. Besucht wurde der Unterricht von den 1.- und 2.-Klässlern der Kantonsschule.

Marc Dönni teilt die Meinung des Schulleiters. Er habe es interessant gefunden, für einen Tag in den Alltag der Schulleitung hineinzuschnuppern. «Was ein Lehrer den ganzen Tag macht, wusste ich schliesslich schon.» Zusammen mit vier anderen Drittklässlern übernahm er die Aufgaben der Schulleitung für einen ganzen Tag. Davor sprachen die Schüler mit Stefan Schneider und Prorektor Gustav Saxer über ihre Vorstellungen des Projekts. So konnten sie mitentscheiden, wie der spezielle Tag aussehen würde. Was wird unsere Rolle sein? Soll es einen Konvent geben? Schliesslich besuchte Dönni Lektionen seiner Mitschüler und war als Ansprechperson bei Problemen im Schulleiterbüro anzutreffen. Solche Probleme habe es gegeben, diese seien aber lösbar gewesen. So seien beispielsweise Viertklässler in der Schule aufgetaucht, die eigentlich an diesem Tag frei gehabt hätten. Im Grossen und Ganzen hat Dönni ausschliesslich positives Feedback von seinen Kollegen/Mitschülern erhalten. Sein Fazit: «Das Experiment hat Spass gemacht.»

Das Journalistenteam der Schüler hat den speziellen Tag dokumentiert und auf dem KSR-Blog ( blog.ksr.ch /) festgehalten.


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