"Arboner sollen weiterhin offen auf Asylsuchende eingehen"

ARBON ⋅ Seit bald einem Jahr bewohnen Asylsuchende das frühere evangelische Alters- und Pflegeheim - vor allem Familien. Michael Görtz leitet das Durchgangsheim. Er vermittelt eine Kultur des Miteinander.
06. Dezember 2017, 05:22
Seit Anfang 2017 führt die Peregrina-Stiftung im Auftrag des Kantons Thurgau das Durchgangsheim an der Romanshornerstrasse 44 in Arbon. Wie läuft der Betrieb?
Er gestaltet sich im Grossen und Ganzen reibungslos und ruhig. Dies sicherlich auch, weil wir vor allem Familien betreuen und das geräumige Haus mit seinem grossen Umschwung Ruhe und Freiraum bietet.

Wie viele Asylsuchende werden im Heim betreut? Und woher stammen sie?
Aktuell betreuen wir 22 Personen aus Syrien, Eritrea, Äthiopien, Nigeria, Guinea Bissau, der Elfenbeinküste und dem Sudan. Bis auf zwei Personen sind alles Familien mit Kindern, wovon vier Frauen alleinstehend sind mit je einem Kind.

Von wie vielen Personen werden diese betreut?
Betreut werden die Bewohner und Bewohnerinnen von mir und meiner Stellvertreterin Daniela El Merhi montags bis freitags von 8 bis 17 Uhr. Drei- bis viermal pro Woche, auch an Festtagen und Wochenenden, kontrolliert eine Mitarbeiterin der Peregrina-Stiftung während der Abend- oder Nachtstunden, ob alles in Ordnung ist und es den Bewohnern und Bewohnerinnen gut geht.

Wie sieht der Tagesablauf aus?
Zwischen 8 und 8.30 Uhr machen wir eine Anwesenheitskontrolle. Ab 8.45 Uhr erteilt Daniela El Merhi in drei Klassen Schulunterricht, jeweils eine Stunde pro Klasse. Die schulpflichtigen Kinder gehen in die öffentliche Schule und werden bei den Hausaufgaben durch mich und meine Stellvertreterin regelmässig unterstützt. Bis 11 Uhr müssen die Erwachsenen die täglichen Reinigungsarbeiten gemäss Putzplan erledigen. Die Bewohner kochen und waschen selber.

Wie werden die Nachmittage gestaltet?
Nach dem Essen, ab 12.30 Uhr, geht ein Teil der Asylsuchenden bis 17 Uhr in den Wald arbeiten. Die Peregrina-Stiftung hat mit verschiedenen Förstern im Kanton Thurgau entsprechende Vereinbarungen getroffen, sodass aus sämtlichen Durchgangsheimen der Peregrina-Stiftung Asylsuchende ganzjährig vier bis fünf Nachmittage pro Woche arbeiten können. Für diese Beschäftigung erhalten sie drei Franken Motivationszulage pro Stunde. Ferner unterhalten wir den grossen Umschwung unseres Durchgangsheimes.

Wie ist die Akzeptanz seitens der Bevölkerung, insbesondere auch der Nachbarschaft?
Bei Anlässen wie dem Tag der offenen Tür oder dem gemeinsamen Kochen mit der Frauengemeinschaft Arbon, aber auch bei vielen Gesprächen mit Nachbarn und Besuchern vermitteln wir Einblicke in unsere Arbeit, das Leben im Durchgangsheim und die Flüchtlings-Thematik. Wir erhalten dabei viel positiven Zuspruch und können eine grosse Akzeptanz feststellen. Kritische oder besorgte Meldungen sind eher selten.

Welche Wünsche haben Sie an die Arboner?
Arbon ist seit jeher eine Stadt, in der Menschen aus unterschiedlichsten Ländern und Kulturen zusammenleben und -arbeiten. Ich wünsche mir, dass die Arboner auch weiterhin, trotz sprachlicher und kultureller Hürden, offen und interessiert auf die Menschen zugehen, die vor Krieg und Armut hierher geflohen sind. So können beide Seiten voneinander lernen und dabei Barrieren und Vorurteile abbauen.

Als Heimleiter werden Sie mit harten persönlichen Schicksalen konfrontiert. Wie gehen Sie damit um?
Unsere Aufgabe als Heimverantwortliche ist es, dass es den Asylsuchenden im Hier und Jetzt gut geht und sie sich sicher fühlen. In Krisenmomenten haben wir ein offenes Ohr und versuchen, die Betroffenen bestmöglich aufzufangen. Wo notwendig mit Unterstützung von Ärzten und entsprechenden Institutionen. Ich persönlich achte darauf, mich immer wieder zu reflektieren und mich in meiner Freizeit mit anderen Themen zu beschäftigen. (red)


 

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