«Mit einem Arm im Gips wäre es einfacher»

SALMSACH ⋅ Podium zum Thema «Wenn die Psyche streikt»: Im Berglischulhaus diskutierten Beatrice Neff von Perspektive Thurgau, die Betroffene Claudia Hasler und Maron-AG-CEO Thomas Maron.
30. September 2017, 05:19

Körperlich sind die meisten Arbeitsprozesse nicht so anstrengend wie zwei Generationen zuvor. Dafür haben Hektik, Automatisierung und Digitalisierung in der Berufswelt zugenommen und wohl auch die Entpersönlichung zugenommen. An einem Podium im Salmsacher Berglischulhaus fühlten Fachpersonen den Störfaktoren auf den Zahn.

Das sind die Warnzeichen

Wenn jemand öfter fehle, aber auch, wenn einer extrem viel arbeite und die Arbeit am Wochenende mit nach Hause nehme – auch, wenn er immer gereizt sei im Umgang mit den Mitarbeitern –, seien das Warnzeichen, dass jemand auf eine Depression oder ein Burn-out hinsteuere, sagte der CEO der Maron AG und Präsident der Arbeitgebervereinigung ,Thomas Maron. Möglicherweise reagiere die Person ungehalten, wenn man sie darauf anspreche. Es brauche Mut dazu, sich ehrlich einzugestehen, dass es so nicht weitergehen könne. Sich selber und seine Grenzen kennen lernen gehöre dazu, sagte die Betroffene und Genesungsbegleiterin Claudia Hasler.

Für Thomas Maron bilden Offenheit und Vertrauen die Vor­aussetzungen für ein gutes Betriebsklima und Arbeitsverhältnis. Nicht immer werde es gleich wahrgenommen, wenn ein Mitarbeiter Probleme habe, und man gehe nicht gerne zum Chef damit. In seiner Firma gebe es eine Personalverantwortliche, die mit Betroffenen Gespräche führe und Lösungen suche sowie diese eventuell an Beratungsstellen und Fachleute verweise. «Schwieriger ist das in kleinen Firmen.» Es seien aber alle Betriebe daran interessiert, dass es den Mitarbeitern gut geht – sie sind unser Kapital.»

Die Besucher sind skeptisch

Thomas Maron möchte als Arbeitgeber bei einem Einstellungsgespräch orientiert werden, wenn jemand wegen psychischer Probleme nicht voll arbeitsfähig ist. Es komme sonst später sowieso ans Licht, und dies könne das Vertrauensverhältnis trüben. Die Besucher zeigten sich eher skeptisch. Rechtlich gesehen müsse man im Lebenslauf einen Klinikaufenthalt nicht aufführen. Beim Vorstellungsgespräch wäre es ferner ratsam, das anzusprechen. Psychische Schwierigkeiten würden immer noch eher stigmatisiert als körperliche Gebrechen. «Mit einem Arm im Gips wäre es einfacher», sagte Gemeindepräsident Martin Haas.

Claudia Hasler hat Klinikaufenthalte hinter sich und engagiert sich nun selber als Genesungsbegleiterin. Sie hilft Menschen, die psychische Krisen erlebt haben und wieder stabil im Alltag werden wollen. Sie selbst habe das Glück gehabt, in der Firma des Mannes nach ihren Möglichkeiten arbeiten zu können. Oft habe sie aber erlebt, wie andere kurz vor ihrem Austritt die Kündigung vom Arbeitgeber erhielten. Dabei sei Integration in den Arbeitsprozess enorm wichtig, um gesund zu werden.

Die Toleranz gegenüber Menschen mit psychischer Beeinträchtigung sei zwar gewachsen, dem gegenüber stehe aber der harte wirtschaftliche Konkurrenzkampf. Man könne gewisse Massnahmen zur Stressminderung treffen wie zum Beispiel begrenzte Telefonzeiten einführen. Auch eine andere Arbeit könne den Betroffenen zugeteilt werden oder das Pensum verringert. Aber ein Betrieb müsse leistungsorientiert funktionieren, und dies immer mehr, sagte Maron.

Trudi Krieg

romanshorn@thurgauerzeitung.ch


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