Tagblatt Online, 04. September 2010 01:01:26
Ein Leben zwischen Farbtöpfen
«Farben beeinflussen das Seelenleben»: Die Maltherapeutin Verena Niggli lebt in einer bunten Welt. (Bild: Bild: Andrea Kern)
ARBON. Mit Malen und Gesprächen werden in der Maltherapie Probleme behandelt. Verena Niggli führt seit 20 Jahren ein Malatelier. Nebst Einzeltherapie bietet sie auch Ausdrucksmalen an: «Beim Malen können Gefühle ausgedrückt werden.»
Andrea Kern
Ganz in Schwarz gekleidet steht Verena Niggli in ihrem Malatelier und rührt in bunten Farbtöpfen. «Die Farbe hat mich», sagt die 55jährige Maltherapeutin. Dieses Zitat des Malers Paul Klee treffe genau auf ihr Leben zu. Seit 20 Jahren führt sie in Arbon ein Malatelier für Ausdrucksmalen und Maltherapie, die ersten Jahre im Bohlenständerhaus in der Altstadt und nun im Haus Freya an der Römerstrasse, das sie zusammen mit ihrem Mann bewohnt.
Ausleben von Kreativität
Farben begleiten Verena Niggli schon seit ihrer Kindheit. Denn ihr Vater war Maler und Restaurateur. «Er hat seinen Beruf mit Leidenschaft ausgeübt.» Diese sei auch auf sie übergeschwappt. «Ich bin zwischen Farbtöpfen aufgewachsen und habe meinem Vater schon als kleines Kind beim Vergolden zugeschaut», blickt sie zurück. Auch den Beruf ihrer Mutter, eine Schneiderin, habe sie geprägt. So kam sie als kleines Mädchen mit Farben, Stoffen und Fäden in Kontakt. Auf das Ausleben von Kreativität wurde in der Grossfamilie mit acht Kindern Wert gelegt.
Beruflich hat Verena Niggli zunächst einen anderen Weg eingeschlagen: Nach der KV-Lehre folgte die Ausbildung zur Sozialarbeiterin. «Menschen, ihre Biographien und ihre Schicksale interessierten mich schon immer.» Ihre Offenheit gegenüber anderen Menschen ist spürbar. Doch sowohl während der Ausbildung als auch danach als Sozialarbeiterin hat sie sich in ihrer Freizeit immer mit Farben beschäftigt.
Als Verena Niggli dann die Ausbildung als Maltherapeutin absolvierte, spürte sie, dass sie nun zwei ihr wichtige Komponenten im Leben miteinander verbinden kann: ihr Interesse an Menschen und an Farben.
Malen mit den Fingern
In ihrem Atelier bietet Verena Niggli sowohl Gruppenmalen für Kinder und Erwachsene als auch Maltherapie für Einzelpersonen an.
Beim Ausdrucksmalen in der Gruppe stehe der Ausgleich zum Alltag im Vordergrund, bei der Einzeltherapie das Erkennen und Auflösen von belastenden Situationen und das Finden der eigenen Mitte. Spezialisiert hat sich Verena Niggli auf die Thematik Missbrauch von Kindern und Frauen. «Ich arbeite auch mit der Opferhilfe zusammen.
» Doch es gibt eine breite Palette an Gründen, die ins Malatelier führen: Unsicherheiten, Traumas, Erkrankung, Tod, Verluste, Beziehungsklärungen, Ängste, Depression – oder auch einfach das Bedürfnis nach einer Standortbestimmung, nach Ruhe und Kreativität.
«Die Maltherapie befasst sich in einer Mischung aus Gespräch und Malen intensiv mit der vorhandenen Problematik», erklärt Verena Niggli. «Beim Malen können Gefühle und Stimmungen ausgedrückt werden.
» Sie sieht das Malen als Prozess der persönlichen Entwicklung und greift wenn nötig auch in diesen ein. «Vieles läuft über Intuition und spontane Eingebung. Es geht nicht darum, dekorative Bilder zu malen, welche die Wände verschönern.»
Zur Verfügung stehen den Malenden nebst Kreiden, Farbstiften und Filzstiften vor allem Gouachefarben. Diese seien zwar teurer, aber auch von besserer Qualität. «Die Farbe ist viel satter und intensiver», sagt die Maltherapeutin. Gemalt wird auch mit den Fingern.
Der Kontakt mit Bild und Farbe wird ohne die Distanz des Pinsels direkter und spontaner.
Wirkung von Farben
Ob in der Gruppe oder in der Einzeltherapie: «Malen hat so oder so einen therapeutischen Effekt», erklärt Verena Niggli. «Denn Farben beeinflussen das Seelenleben.» Die Maltherapeutin ist vielseitig engagiert. Einmal in der Woche malt sie je mit einer Gruppe Drogenabhängiger und einer Gruppe von Menschen mit einer geistigen Behinderung. Zudem unterrichtet sie an der Textilfachschule Farbpsychologie.
Da sie auch über eine Ausbildung als Farbdesignerin verfügt, berät sie seit rund fünf Jahren Privatpersonen und Firmen über die Wirkung von Farben in Wohn-, Schul- und Büroräumen.
Hat Verena Niggli eine Lieblingsfarbe? Die Maltherapeutin verneint. «Die Farben Rot und Grün begleiten mich das ganze Leben.» Rot stehe für ihre Offenheit, Grün für die Natur und das Geerdet-Sein. «Doch schliesslich kann ich jeder Farbe etwas Lustvolles abgewinnen.»
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