Weiterhin nur per Postauto nach St.Gallen

ARBON ⋅ Eine Euphorie war nie entflammt. Und doch nimmt man im Stadthaus mit Bedauern zur Kenntnis, dass die Regierung beim öffentlichen Verkehr andere Prioritäten hat als eine Bahnverbindung von Arbon nach St. Gallen.
06. Oktober 2017, 07:10
Max Eichenberger

Max Eichenberger

max.eichenberger

@thurgauerzeitung.ch

Eine direkte Bahnverbindung von Arbon nach St. Gallen – entweder via Mörschwil oder Wittenbach – rückt in weite Ferne: Von der Vision scheint sie zur Utopie zu mutieren. Im Soge des Rückenwindes für den öffentlichen Verkehr schweizweit hatten sich viele Regionen mit ihren Begehrlichkeiten gegenüber dem Bund in Position begeben: begründete wie ­Nice-to-have-Ausbauten.

So fand auch die Konzeptstudie einer Bahnverbindung von Arbon nach St. Gallen im Programm der Agglo-Organisation St. Gallen-Bodensee Aufnahme. Dieses wiederum war dem Bundesamt für Verkehr zugegangen. Doch schon als das BAV vor zwei Jahren Regionalverkehrsmodule bezüglich Kosten und Nutzen bewertet hatte, schwanden selbst die langfristigen Realisierungschancen eines Schienenstrangs nach Mörschwil oder Wittenbach.

Kosten/Nutzen: Im Vergleich sehr schlecht abgeschnitten

Eine Konzeptstudie der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich hatte diese beiden von drei möglichen Varianten favorisiert. Darauf beruhte die Eingabe im Rahmen des Agglomerationsprogramms. Vertieft wurde die Studie bislang allerdings nicht. In der Kosten-Nutzen-Bewertung fiel die Bahnvision durch: «Bei der Bewertung ist sie sehr schlecht weggekommen», sagt Robert Dedecius von der ­Abteilung Öffentlicher Verkehr beim Kanton.

Beim Kanton selber ist ebenfalls keine Euphorie auszumachen. Das Departement setzt andere Prioritäten beim öffentlichen Regionalverkehr. Sie liegen laut Dedecius bei der S-Bahn Weinfelden–Konstanz und in der Fahrplanverdichtung bei der Frauenfeld-Wil-Bahn (FWB). Um den Viertelstundentakt dort einführen zu können, brauche es eine zweite Kreuzungsstation.

Periphere Wünsch-dir-was-Ideen hätten da zumindest bis zum Zeithorizont 2040/45 keine reelle Chancen. Zumal die direkte Busverbindung von Arbon nach St. Gallen erst ausgebaut worden war. Zwei Bahnlinien ab St. Gallen an den Bodensee gibt es bereits: nach Romanshorn und nach Rorschach – beides Arboner Nachbarstädte. Der Regierungsrat hat denn nun auch in seinem in die Vernehmlassung geschickten teilrevidierten Richtplan das Begehren hinausgeschoben. Das zuvor festgelegte Zwischenergebnis, im Rahmen des Ausbauschritts «Step 2030» sei eine Bahnverbindung Arbon–St. Gallen zu realisieren, wird gestrichen.

Balg: Stadt wird sich weiter nach Kräften einsetzen

Mit Enttäuschung reagiert Stadtpräsident Andreas Balg darauf. Das sei «keine gute Nachricht», auch wenn das Anliegen nicht ganz vom Tisch gewischt wurde. «Wir haben zwar mit der Buslinie eine Ersatzlösung. Ob Bahn oder Bus: da gibt es dann halt schon Unterschiede bei den Fahrzeiten und den Transportvolumen», sagt Balg. Mit der Bahn wäre man in zwölf Minuten in der City – also viel schneller. Die wirtschaftlichen Verbindungen seien nun einmal zu 90 Prozent nach St. Gallen ausgerichtet. Die Beziehungen seien mannigfaltig. «Nicht von ungefähr ist der Bus so stark nachgefragt.» Die Linie ist die meistfrequentierte landesweit. Das sieht Balg als Bestätigung und Argument zugleich, an der Vision Bahnanschluss festzuhalten. «Wir werden uns weiter nach Kräften dafür einsetzen.» Zumal man in St. Gallen die Busse in den Stosszeiten nicht so gerne in der Stadt habe. Er, so Balg, gewinne mitunter den Eindruck, dass man in Frauenfeld eine starke Anbindung von Arbon an das ausserkantonale Zentrum St. Gallen ohnehin beargwöhne.


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