Im Sommer auf dem Feld

KESSWIL ⋅ Csaba und Annamaria Becze aus Rumänien arbeiten als Saisonniers auf Schweizer Bauernhöfen. Sie erzählen von der Arbeit auf dem Beerenbetrieb, ihrer Lebensweise und Zukunftsplänen.
06. Oktober 2017, 07:09
Trudi Krieg

Trudi Krieg

romanshorn@thurgauerzeitung.ch

Csaba und Annamaria Becze wuchsen fast als Nachbarn in einem Dorf im rumänischen ­Siebenbürgen auf. Csaba Becze machte eine Ausbildung als Elektromechaniker für die Grossindustrie. Das sei viel Theorie ­gewesen und wenig Praktikum: «Ich konnte mich nicht weiterentwickeln. Arbeitsstellen gab es keine und für eine höhere Schule fehlte das Geld», sagt der 31-Jährige, der bald seine Saisonstelle im Beerenspezialbetrieb von Edi Vogel in Kesswil verlässt. Saisonstellen nahm er immer mit Annamaria an, mit der er seit zwei Jahren verheiratet ist. In Rumänien war Annamaria im Gastgewerbe tätig. Sechs Jahre lang arbeiteten die beiden in Norddeutschland während der Spargelsaison und Erdbeerenernte. Seit drei Jahren kommen sie im Sommer in die Schweiz. Hier sei der Lohn besser. Ausschlaggebend aber sei gewesen, dass die Saison fünf Monate lang dauere. In Deutschland sei diese auf zweieinhalb Monate beschränkt. Auf den viel grösseren Bauernbetrieben in Norddeutschland seien auch viele Saisonniers gewesen, die sie aus ihrer Heimat gekannt hätten. Aber auch hier haben die beiden viele Freunde und Kameraden, auch unter den Leuten vom Dorf. An Wochenenden unternehme man oft gemeinsam etwas. Im Ökonomiegebäude auf dem Hof von Edi und Margrit Vogel hat das Paar ein grosses Wohnschlafzimmer. Dusche und die Küche werden von allen Angestellten benutzt. Das gehe gut. Jeder kaufe selber für sich ein und koche. Für Wohnen, Wasser und Strom wird etwas abgezogen vom Lohn, aber es ist immer noch günstiger als eine eigene Wohnung.

Sie möchten nicht hier bleiben

Es gefällt den beiden in der Schweiz, aber hier bleiben möchten sie nicht. Ziel ist, nach Saisonende vom Lohn etwas nach Hause zu bringen und dort am eigenen Haus weiterzubauen. Später möchten sie darin wohnen und dort bleiben. Etwa 80 Prozent der hiesigen Saisonniers planen so. In der Landwirtschaft zu arbeiten sei eine der wenigen Möglichkeiten, jeweils nur für ein paar Monate hier zu arbeiten. «Wir sind aber nicht nur zum Arbeiten hier. Wenn wir schon in der Schweiz sind, möchten wir auch etwas ­sehen. Wir waren schon in Interlaken und auf dem Säntis, am Sonntag grillieren wir oft am See», sagt Becze auf Hochdeutsch.

Csaba und Annamaria Becze haben sowohl die ungarische als auch die rumänische Staatszugehörigkeit. Grund dafür ist die politische Geschichte von Siebenbürgen. Deutsch habe er schon als Kind mit den Zeichentrickfilmen gelernt, sagt Csaba. Später habe er sich weitergebildet mit Lesen und Wörternachschlagen. Auch die 25-jährige Annamaria Becze kann sich gut verständigen mit den Kunden vom Hofladen, der in ihren Aufgabenbe- reich fällt. Ihr gefällt der Kontakt mit den Kunden besonders gut. Gegen Saisonende, wenn im Laden nicht mehr so viel läuft und einige Saisonniers schon heimgegangen sind, hilft sie auch auf dem Feld. Sei es bei der Beerenernte oder beim Pflanzen.

Jemand im Betrieb kann dolmetschen

Im Oberthurgau schauen die Arbeitgeber darauf, dass jemand von den Mitarbeitern dolmetschen kann. Viele Arbeitgeber lernen mit der Zeit aber auch die Sprache der Saisonniers. Ein Stück Weltoffenheit holt man sich damit auf den Hof, denn mit den Sprachkenntnissen wächst auch das Verstehen der Kulturen und Bräuche. Je nach Arbeitsanfall und Spezialkulturen werden die ausländischen Saisonniers ausgetauscht zwischen den Betrieben. Jetzt, wo die Beerensaison langsam zu Ende geht, hilft Csaba einem Obstbauern bei der Apfelernte. Csabas Vater hat in Siebenbürgen eine Landwirtschaft, die das Paar übernehmen will, sobald das Haus fertig ist. Er hat auch schon einen Traktor gekauft. Eine Hektare Acker, drei bis vier Hektaren Wiese und zehn Hektaren Wald gehören zum ­kleinen Bauerngut. Die Parzellen sind zerstückelt, eine Folge des Kommunismus, in dem noch alles Staatseigentum war. Der Bauernhof biete keine Existenzgrundlage, sagt Csaba. Sporadisch finde man schon Arbeit bei Bekannten, wie jetzt jeweils im Winter. Vom Wald gebe es noch am ehesten Ertrag durch Brennholz. «Die Winter sind sehr streng mit bis minus 30 Grad, und Holzheizungen sind üblich.»

Bei Edwin Vogel lernte Csaba viel über die Kultur von Beeren. Theoretisch könnte er das Wissen in seiner Heimat anwenden, aber dort fehlen Absatzkanäle. Es bräuchte etwas wie die «Tobi». Wenn ein Bauer zum Beispiel Tomaten anpflanze, könne er diese nicht verkaufen, weil alle Lebensmittel aus EU-Ländern importiert würden. In den Läden gebe es inzwischen dasselbe zu kaufen wie in der Schweiz. Bauern müssten ihre Milch zu tiefen Preisen verkaufen, weil der Staat sonst Milchprodukte aus den Niederlanden importiere. Vieles habe sich entwickelt seit der Wende, aber es stehe auch noch viel Aufbauarbeit an.


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