Die "Hafenstadt" Romanshorn will sich wieder aufrappeln

NEUANFANG ⋅ Romanshorn war eine der grössten Verkehrsdrehscheiben der Ostschweiz. Diese Zeiten sind längst vergangen. Am Hafen möchte die Stadt mit knapp 11000 Einwohnern zu altem Glanz zurückfinden. Helfen soll der Bau des grössten Hotels im Thurgau.
10. September 2017, 13:40
Markus Schoch

Markus Schoch

markus.schoch

@thurgauerzeitung.ch

Ausgerechnet er musste zusehen, wie alles in kurzer Zeit bachab ging, was Romanshorn gross gemacht hatte. Er, der erste und einzige Bähnler an der Spitze des Ortes mit einem Bahnhof, der in den 1960er-Jahren zu den bedeutendsten der Schweiz gehörte. Der ehemalige Kondukteur und Zugführer Walter Anderes war zwischen 1986 und 1999 Gemeindeammann und am Schluss gar nicht mehr gut zu sprechen auf seinen ehemaligen Arbeitgeber. Denn die SBB hatten Romanshorn in den Jahren zuvor endgültig aufs Abstellgleis geschoben.

Die Talfahrt hatte schon viel früher eingesetzt. Im Jahr 1976 stellten die Bundesbahnen nach 107 Jahren den sogenannten Trajektverkehr ein – also den Transport von Eisenbahngüterwagen auf der Fähre zwischen Romanshorn und Friedrichshafen. 62 Arbeitsplätze gingen verloren, auch wegen der Rezession in den beiden vorangegangenen Jahren. Die SBB beschäftigen 1979 noch 403 Personen in Romanshorn. 20 Jahre später waren es nur noch halb so viele.

Alle verabschieden sich aus Romanshorn

Der grosse Abbau fiel in die Amtszeit von Anderes, der eine Hiobsbotschaft nach der anderen entgegennehmen musste. 1994 schlossen die SBB das Cargo-Domizil-Zentrum (Stückgut-Transport). 1997 war es dann auch vorbei mit dem Rangierzentrum, wo in der Nacht jeweils bis zu 700 Wagen auf den Ablaufberg geschoben wurden.

Doch nicht nur die SBB verabschiedeten sich aus Romanshorn. Auch die anderen Regiebetriebe des Bundes zogen sich zurück. 1993 kündigte das eidgenössische Finanzdepartement an, das Alkohollager nach 100 Jahren teilweise zu schliessen. Fünf Jahre später machte Bern dann die Türen aus finanziellen Überlegungen ganz dicht auf dem riesigen Areal mit einer Fläche von 56000 Quadratmetern. Doch nicht genug: 1998 schlug auch die letzte Stunde der so ­genannten Transitpost, wo ein Teil der ­Pakete nach Deutschland landete und nach Friedrichshafen verschifft wurde. Gleichzeitig wurde der Post-LKW-Verkehr über die Fähre eingestellt. Weil die Arbeit weniger wurde, speckte auch die Zollverwaltung personell ab.

Der Niedergang war vor allem am Hafen sichtbar, der um die Jahrtausendwende verlassen da lag. Die Transitpost direkt am See stand teilweise ebenso leer wie das riesige, 1871 errichtete Massivlagerhaus der SBB, das nach der Eröffnung eines neues Dienstleistungszentrums 1985 in der Bedeutungslosigkeit versank. Ein trostloses Bild auch auf der gegenüberliegenden Seite des Hafens: Auf 9000 Quadratmetern Land an bester Lage wuchsen Gras und Unkraut, nachdem im Jahr 2000 der Güterschuppen der SBB abgebrannt war. Es sehe aus wie früher in der DDR, sagten deutsche Besucher. Romanshorn musste sich neu erfinden. Der Prozess war ein mühsamer und langwieriger.

Am Hafen will anfänglich gar nichts gelingen

Die SBB investierten zwar rund 50 Millionen Franken in den Umbau und die Modernisierung des Bahnhofs, der 2003 eröffnet wurde. Doch am Hafen wollte es nicht so richtig vorwärts gehen. Die Idee eines Begegnungszentrums am See (Aquarena) zerschlug sich ebenso wie der hochtrabende Plan einer Investorengruppe mit dem Namen Harbour Vision, die das ganze brachliegende Hafengelände in Zusammenarbeit mit der Gemeinde und den SBB zu neuem Leben erwecken wollte. Im Massivlagerhaus der SBB waren Luxuslofts vorgesehen. Die Baubewilligung lag 2003 vor. Doch dann geriet der Kopf der Gruppe 2004 unter anderem wegen gewerbsmässigen Betrugs und Geldwäscherei ins Visier der Justiz und musste Konkurs anmelden. Auf dem brachliegenden Güterschuppenareal lief es ebenfalls nicht wie gewünscht. Zuerst sagten die Romanshorner 2011 Nein zum Bau eines Gemeindesaals für fast 15 Millionen Franken, nachdem sie 2006 in einer Grundsatzabstimmung noch den Weg für die Planung frei gemacht hatten. Ein Jahr später schoben sie durch eine Zonenplanänderung auch dem Totalunternehmer HRS einen Riegel, der im östlichen Teil des Geländes vier Wohn- und Gewerbebauten hinstellen wollte.

Den Neuanfang am Hafen setzte eine private Investorengruppe um den Unternehmer und heutigen FDP-Nationalrat Hermann Hess in Gang, die den SBB Ende 2006 die Schweizerische Bodensee Schifffahrtsgesellschaft (SBS) abkauften. Zuerst bauten die neuen Eigentümer die Transitpost für 7 Millionen Franken um, dann legten sie für rund 2,5 Millionen Franken und mit finanzieller Hilfe der Stadt eine Aufenthaltsplattform in den Hafen und koppelten eine Steganlage für die Ausflugsschiffe an, modernisierten die Werft für 9 Millionen Franken und eröffneten ein neues Restaurant, das im letzten Jahr den «Best of Swiss Gastro Award» gewann.

Veränderungen bahnen sich auch im Massivlagerhaus an, das 2015 den Besitzer wechselte und jetzt der Kornhaus Romanshorn AG gehört. Diese will mit der grossen Kelle anrühren und das Gebäude für 40 Millionen Franken renovieren beziehungsweise umbauen. Das Projekt sieht Loftwohnungen, ein Boardinghouse, Gastronomie- und Gewerbebetriebe sowie Flächen für Museen vor. Die Baubewilligung liegt seit Mai vor.

Wie es auf dem Güterschuppenareal weiter geht, haben die Romanshorner selber in der Hand. Die Stadt konnte das Land den SBB 2014 für 3,2 Millionen Franken abkaufen. Die Freude war gross in der Bevölkerung, die glücklich war, nun über die Entwicklung des Filetstücks am Hafen selber bestimmen zu können. Dort am Wasser, wo Romanshorn genesen soll, das sich seit 2013 selbstbewusst Hafenstadt nennt. Die Uferbereiche sind die neuen Schwerpunkte in der Entwicklungsstrategie, die der Stadtrat 2015 verabschiedet hat.

Wegweisender Volksentscheid am 24. September

Viel los ist allerdings noch nicht auf dem Güterschuppenareal, das die Stadt jetzt Hafenpromenade nennt. Im Sommer ist eine Strandbar in Betrieb, und hin und wieder lädt ein Kulturverein zum Boulespiel ein. Doch das könnte sich ändern. Am 24. September stehen die Romanshorner vor einem wegweisenden Entscheid: Sie stimmen darüber ab, ob Hermann Hess für rund zwei Millionen Franken 3900 Quadratmeter Land kaufen kann oder nicht. Der Amriswiler Unternehmer beziehungsweise seine Hess Immoblien AG wollen auf einem Teilstück des Güterschuppenareals das grösste Hotel im Kanton mit über 100 Zimmern bauen.

Die Vorlage ist umstritten, auch wenn alle Parteien die Ja-Parole beschlossen haben. Der Preis sei zu tief, der Standort falsch und das Projekt zu gross, sagen die Kritiker. Es gibt aber auch viele, die Hess Grosses zutrauen, nachdem es ihm gelungen ist, die SBS wieder flott zu machen. Wie auch immer: Der mittlerweile verstorbene Walter Anderes wäre mit Sicherheit versöhnt mit der Vergangenheit, wenn er sehen könnte, wie sich Romanshorn nach all den Tiefschlägen wieder aufrappelt.


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