Ein Leuchtturm der Kultur

ARBON ⋅ Eine ganze Stadt in Festlaune: Am Wochenende ist das Kulturzentrum Presswerk mit der Musikschule und der Eventhalle feierlich eröffnet worden. Und die Stadt hat ihren Park WerkZwei eingeweiht, der Oldtimerclub Saurer sein Museumsdepot.
25. September 2017, 07:41
Max Eichenberger

Max Eichenberger

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Walter Güdel streichelt den gusseisernen Motorenblock fast liebevoll. In der blauen Saurer-Jacke mit Treppenlogo an den Ärmeln wird ihm warm ums Herz. «Güsel Güdel» ist bis zur Pensionierung in der Stadt St. Gallen mit dem letzten Saurer-Kehrichtfahrzeug herumgekarrt. Albert Brunner lässt derweil ein Stickmaschinen-Ungetüm, gebaut 1903, vor staunenden Schaulustigen rattern. Max Hasler am Steuer eines Postautoveteranen nimmt Besucher auf eine Sightseeing-Tour mit. Und Ruedi Baer, Präsident des Oldtimerclubs Saurer, platzt fast vor Stolz: sein Traum ist mit Einweihung des Depots des Saurer-Museums in einer Presswerk-Halle im WerkZwei in Erfüllung gegangen. Tochter Anna Laich hat zuvor das rote Band auf der Wendeltreppe durchschnitten.

Reverenz an Saurer im neuen Stadtteil WerkZwei

Die Industriekultur bleibt so museal erhalten auf einem Areal, das HRS mit gewaltigen Investitionen in einen neuen Arboner Stadtteil mit viel neuem Wohnraum umbaut. Mit dem aufwendig sanierten Hamel-Fabrikbau und nun dem Presswerk bleiben zwei charakteristische Zeugen des Industriebaus erhalten. Sie haben eine Umnutzung erfahren, die sinnstiftend ist und für die Stadt eine Aufwertung bedeutet.

Die frühere Saurer-Stadt in Arbon hat einen neuen kulturellen Leuchtturm. In einem sanierten und umgebauten Backstein-Fabrikkomplex ist am Freitag das Kulturzentrum Presswerk eingeweiht worden: mit Klassik in den Räumen der Musikschule und einem Baschi-Konzert in der Eventhalle. (Bilder: Max Eichenberger)

Was vor drei Jahren noch eine Vision mit Zeichnungen und Zahlen auf Papier war, ist mit viel Idealismus, auch unternehmerischem Mut und der Unterstützung von privaten Geldgebern und der Wirtschaft zu einem kulturellen Leuchtturm mit Ausstrahlung weit über die Stadt hinaus geworden. «Ich erkläre das Kulturuzentrum Presswerk als eröffnet», freut sich Rolf Staedler als Verwaltungsratspräsident der Trägerschaft im Viola-und-Thomas-Dietschweiler-Saal, dem Prunkstück des Musikschultraktes, nach einer zauberhaften Aufführung des Klarinettenquartetts der Musikschule. Wirtschaft und Kultur, das Materielle und das Ideelle, bedingten sich gegenseitig.

Die Musikschule ist Hauptmieterin im Presswerk. Präsidentin Carmen Lüthy schwärmt von den neuen Räumen wie auch Julia Kräuchi, die im August die Leitung der Musiskschule von Leo Gschwendüberommen hat. Die Kultur und insbesondere die Musik leisteten einen wertvollen Beitrag für den Zusammenhalt in der Gesellschaft, betont Hector Herzig. Verbunden mit einem mahnenden Appell an die Politik, dies nicht bloss als «nice to have» abzutun, sondern es auch an der «monetären» Unterstützung nicht mangeln zu lassen.

Viele Konzerte und ein neuer Park

Viele nutzen am Samtsag die Gelegenheit, die Räume des Kulturzentrums zu besichtigen. Lob gibt es für Architekt Raphael Künzler, wie er beim Innenausbau respektvoll mit der Bausubstanz umgegangen ist. 1200 Menschen gehen hier ein und aus. Eine Vorführung von Musikschülern, Tänzern, Ensembles und Bands folgt an diesem Samstag der nächsten. Wo Baschi («Bring en hei») am Vorabend vor 350 Fans die Eventhalle gerockt hat, zupft nun Robin Scheiwiller an seiner E-Gitarre und bezaubert Kim Conradin mit ihren Balladen.

Beim Musikschulteil besteht noch eine Finzierungslücke von 135000 Franken. Die mit Bühne, Licht und Verstärkeranlage bestückte Eventhalle kann im Rohausbau genutzt und bespielt werden. 35 Vorbuchungen gibt es bereits. Für den Gastromiebereich läuft laut Projektleiter Bruno Glanzmann die Evaluation. Ein weiterer Ausbau, mit Kosten von einer Million Franken, ist aktuell nicht zwingend und wird abhängig davon sein, wie sich der Betrieb entwickelt.

Auch die Stadt feiert eine Einweihung: Am Sonntag übergibt Stadtpräsident Andreas Balg den Park WerkZwei seiner Bestimmung: «Ein einst verbotener Stadtteil wird heute öffentlich zugänglich.» Eine Fläche von 11101 Quadratmetern der ersten Etappe ist am Donnerstag grundbuchamtlich (von HRS) franko der Stadt überschrieben worden. Die Gestaltung kostet die Stadt rund 3,5 Millionen Franken. Auch hier ist mit den Gleisen für den Werkverkehr die industrielle Vergangenheit einbezogen worden.


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