Der Aufstieg eines kleinen Fischerdorfs

ROMANSHORN ⋅ Romanshorn legte eine wahre «Tellerwäscherkarriere» hin. Vom unbedeutenden Fischerdorf wurde die Stadt zur Handelsmetropole am Bodensee.
02. November 2017, 19:56
Desirée Müller

Bis Anfang des 19. Jahrhundert machte Romanshorn keine Schlagzeilen. Es war ein schönes Dörfchen am See mit seinen herzigen Fischerhütten am Fuss der Kirche. Doch auf einen Schlag änderte sich alles. Die verkehrstechnisch günstige Lage des Dorfes wurde erkannt und 1842 mit dem Bau des Kantonalen Hafens begonnen. Der Bau der 11'500 Quadratmeter grossen, windgeschützten Anlage kostete 30'000 Gulden. Das Gebiet ging vom alten Zollhaus bis zum Hafenglöggli. Die Romanshornerinnen und Romanshorner leisteten für den Bau den Hafendamms 3'840 Tage Frondienst. Ab nun konnten Dampfschiffe aus Friedrichshafen und Lind­au regelmässig in Romanshorn anlegen. Auch wurden Strassen ins Hinterland erstellt.

1850 wurde das Hauptzollamt Romanshorn (mit Edelmetallkontrolle und Postzollamt) gegründet. Von 1853 bis 1856 entstand der Bodensee-Hafen. Der grösste am Bodensee. Die Nordostbahn erweiterte die Hafenanlage auf 74'140 Quadratmeter. Das ausgebaggerte Material wurde für die Aufschüttungen rund um das Hafenbecken verwendet, auf dem auch das Bahnhofgebäude errichtet wurde. 1200 Arbeiter wurden in dieser Zeit für den Bau der Hafen- und Bahnanlagen vom Ingenieurbüro Seiz aus Romanshorn beschäftigt.

Zugverbindungen entstehen

1855 wurde Romanshorn zum Endpunkt der Thurtallinie auserwählt. Die wohl bedeutsamste Entscheidung in der Geschichte von Romanshorn. Mit Schiffen wurden die Zugwagen über den See transportiert. So konnte der Anschluss ans reichsdeutsche Bahnnetz gewährleistet werden. In den nächsten Jahren wurden weitere Bahnstrecken erschlossen. Romanshorn–Rorschach, Romanshorn–Konstanz und die Verbindung mit St. Gallen. Gleichzeitig wurden Lagerhäuser gebaut und ein wichtiger Kornmarkt siedelt sich in Romanshorn an. Arbeitsplätze wurden geschaffen und die Arbeiter brauchten Unterkünfte. Ein wahrer Bauboom entfachte.

Nach der Eröffnung des Kornmarktes im neuen Zollhaus und dem Bau eines 16'500 Quadratmeter grossen Getreideschuppenlagers wird 1869 die Trajektfähre zwischen Romanshorn und Friedrichshafen in Betrieb genommen. Nach dem Bau einer Trajektbrücke wurde Lindau und später auch Bregenz mit den Trajektschiffen angefahren. Drei Jahre später wurde ein weiterer Meilenstein eingeweiht: das grosse Massivlagerhaus (SBB-Lagerhaus). Es umfasste drei Stockwerke mit je 3000 Quadratmetern Bodenfläche. In den nächsten Jahren wurde die Anlage weiter ausgebaut. Neue Schiffswerfte entstanden, die Lokremise und weitere Schuppen werden gebaut und die Bodensee-Toggenburg-Bahn geht in Betrieb. 1929 wurde der Autofährbetrieb zwischen Romanshorn und Friedrichshafen eingerichtet. Parkanlagen entlang des Sees entstanden und somit wurde das lange nur gewerblich genutzte Land am See der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Ein Hotel direkt am Hafen

In den letzten Jahren hat sich einiges getan: Das ehemalige Transitpostgebäude wurde renoviert, das Restaurant Hafen eröffnete sowie die neuen Anlegestellen für Kursschiffe eingeweiht. Am 24. September 2017 wurde nun über den Landverkauf für ein Hotel im Hafenareal abgestimmt. Nach einem «JA» verkauft die Stadt Romanshorn, die Besitzerin des Grundstücks, nun der Investmentfirma von FDP-Nationalrat Hermann Hess eine Teilparzelle für rund zwei Millionen Franken. Entstehen soll das «Hafenhotel Romanshorn».

Dass es rund um den Bodensee auf Schweizer Seite zu wenig Übernachtungsmöglichkeiten gibt, ist schon lange ein Thema. Im neuen Hotel ist zudem ein Saal für bis zu fünfhundert Personen geplant, eine Tiefgarage sowie ein Gastronomiebetrieb. Zudem wurde ein zehn Meter breiter Weg zwischen Hotel und See eingeplant. So habe auch die Romanshorner Bevölkerung «etwas davon», ist der Investor überzeugt. Es sollen auch 25 bis 30 Vollzeit- und Lehrstellen im Hotelfach geschaffen werden.

Auf dem Grundstück darf nun also ein Hotel gebaut werden. Doch es gibt noch weitere Hürden zu nehmen: Aufgrund der speziellen Lage, muss das geplante Hotel hohe Anforderungen erfüllen. Auch hat das Romanshorner Stimmvolk eine weitere Chance, das Projekt zu stoppen. Für den Gestaltungsplan ist ein fakultatives Referendum geplant. Falls das Projekt nicht im Sinne der Stadt weiterentwickelt wird, hat sich Romanshorn das Rückkaufsrecht gesichert.


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