Auf Mäusefang

ROGGWIL ⋅ Von Frühjahr bis Herbst sind im Obstsortengarten Hofen die Mäusefänger gefordert. Sie sorgen dafür, dass die Hochstammbäume keine Nagerschäden erleiden. Die Mäuse werden den Greifvögeln verfüttert.
04. Oktober 2017, 07:15
Yvonne Aldrovandi-Schläpfer

Yvonne Aldrovandi-Schläpfer

arbon@thurgauerzeitung.ch

Der Obstsortengarten Hofen in Roggwil ist wahrhaftig ein Paradies für Obstfreunde. Hier wachsen ausschliesslich alte Obstsorten. Seenger Moosapfel, Metzer Bratbirne, Schwabs Frühzwetschge und President sind nur einige der wohlklingenden, aber doch eher unbekannten Namen.

Die Obstsortensammlung besteht aus 320 Hochstammbäumen und entsprechend gleich vielen verschiedenen Obstsorten: 130 Apfel-, 120 Birn-, 40 Kirsch- und 30 Zwetschgen- sowie Pflaumenbäume. Damit diese Obstbäume auch prächtig gedeihen, übernehmen die Mauser wichtige Aufgaben. Abwechslungsweise sind Hubert Aggeler, Kandid Unternährer, Monika Metzler, Otto Schneider, Walter Winkler, Sepp Zillig und Andreas Dolder als Mäusefänger im Roggwiler Obstsortengarten gefordert.

Genickbruch in der Chromstahl-Falle

«Mein Mäusefangtag begann heute kurz nach sieben Uhr», erzählt Kandid Unternährer, während er mit einem Suchstab einen Mäusegang lokalisiert. Anschliessend sticht er mit dem Lochschneider vorsichtig ein Loch durch den gefundenen Gang und stellt eine Mausefalle hinein. Mit einem Stecken, an dem ein Fähnchen befestigt ist, markiert er nun die Stelle, damit sie später auch wieder gefunden wird. «Die neuartige Wühlmausfalle aus Chromstahl bewirkt einen sofortigen Tod der Mäuse durch Genickbruch», erklärt Hubert Aggeler. Das ist den Mäusefängern sehr wichtig. «Denn wir möchten keinesfalls, dass die Nager leiden und qualvoll sterben müssen», sind sie sich einig. Hubert Aggeler und Kandid Unternährer stellen jeweils sämtliche 64 Fallen auf, die ihnen zur Verfügung stehen. Es ist wichtig, die Mäuse regelmässig zu eliminieren. Nur so können Schäden an den Obstkulturen vermieden werden. Denn die Wühlmäuse würden die Baumwurzeln abnagen, besonders gefährdet seien die Jungbäume.

61 Mäuse an zwei Tagen

Nach rund drei Stunden findet der erste Kontrollgang statt. Dann werden die Fallen auf Fangergebnisse kontrolliert. Insgesamt werden vier Kontrollgänge an einem Mäusefangtag durchgeführt. Mäuse seien schlaue Tiere, denn manchmal schieben sie nur Dreck in die Falle. An zwei aufeinander folgenden Tagen versuchen die Mäusefänger den Nagern Herr zu werden. Die Mauser sind etwa alle zwei Wochen vom Frühling, wenn der gefrorene Boden aufgetaut ist, bis im Herbst unterwegs.

«Beim letzten Mal hatten wir einen Rekordfang», erinnert sich Hubert Aggeler. 61 Mäuse haben die beiden in zwei Tagen erwischt. Im vergangenen Jahr seien es insgesamt etwa 240 Mäuse gewesen. Wenn im Frühjahr ein Weibchen gefangen wird, kann mit einem einzigen Tier eine grosse Mäusepopulation verhindert werden.

Gibt es eine grössere Anzahl getöteter Mäuse zu verzeichnen, werden diese von Willi Looser aus Salmsach abgeholt. Der Ornithologe betreibt zusammen mit seiner Frau eine Vogel-Pflegestation und verfüttert die Nagetiere den Greifvögeln, die bei ihm stationiert sind. Die Mäuse werden zuerst eingefroren, um die Weiterverbreitung der Parasiten zu bekämpfen. Es sei wichtig, dass die kranken oder verunfallten Greifvögel natürliches Futter bekommen, das sie sich sonst selbst in der Natur holen würden.

Sinnvolle und nützliche Freizeitbeschäftigung

Der 78-jährige Hubert Aggeler und der 84-jährige Kandid Unternährer sind ein gut eingespieltes Team. Seit fünf Jahren sind die rüstigen Senioren zusammen als Mäusefänger im Einsatz. Die Natur bedeutet den beiden sehr viel. «Die Bewegung draussen tut einfach gut, aber am Abend sind wir jeweils müde», sagt Hubert Aggeler und lacht. Das Fangen von Mäusen sei ausserdem eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung. «Wir können damit etwas Gutes tun», meint Kandid Unternährer. Die beiden kennen sich seit 16 Jahren, singen gemeinsam im Männerchor «Arboner Sänger» und wohnen auch in Arbon. Hubert Aggeler arbeitete bis zu seiner Pensionierung als Speditionsangestellter bei einer Nahrungsmittelfirma. Und Kandid Unternährer war bis zu seinem 76. Altersjahr als Schuhmachermeister in Arbon tätig.

Die beiden zeigen sich an diesem Abend zufrieden. «Heute haben wir 31 Mäuse gefangen, gestern Nachmittag waren es 19.» Bestimmt werden sich auch die Greifvögel in der Salmsacher Vogel-Pflegestation über dieses stattliche Fangergebnis freuen.


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