Schmerzhafter Kurswechsel

ROMANSHORN ⋅ Die Werft im österreichischen Fussach wird derzeit ausgebaut. Das sind keine guten Nachrichten für die Werft der SBS in Romanshorn.
11. Februar 2017, 09:30
Markus Schoch

Markus Schoch

markus.schoch

@thurgauerzeitung.ch

Der Schweizerischen Bodensee Schifffahrt (SBS) schwimmen die Felle davon. In Fussach erhält sie Konkurrenz, die sie Aufträge kosten wird. Die Vorarlberg Lines bauen mit finanzieller Hilfe der Stadtwerke Konstanz die Werft in Fussach aus. Konkret wird derzeit die bestehende Slipanlage leistungsfähiger gemacht, so dass dereinst auch die grössten Schiffe am Bodensee wie die riesige, zwischen Konstanz und Meersburg verkehrende Fähre «Lodi» mit über 80 Metern Länge aus dem Wasser gezogen werden können. Ziel ist, die Anlage im Sommer in Betrieb zu nehmen, wie Alexandro Rupp erklärt, der Geschäftsführer der Vorarlberg Lines.

Ursprünglich wollten die Österreicher in Fussach ein riesiges Trockendock bauen als Ersatz für die sanierungsbedürftige Slipanlage. Sie hatten 2012 sogar eine Bewilligung für den riesigen Betontrog, der leer gepumpt werden sollte, wenn ein Schiff zur Revision oder Reparatur eingelaufen war. Das Projekt hätten sie aus betriebswirtschaftlichen Gründen nicht umgesetzt, sagt Rupp. Die Kosten beliefen sich auf 5,5 Millionen Euro. Die jetzt gewählte Alternative ist viel billiger: Die Investition in die bestehende Infrastruktur beträgt 1,4 Millionen Euro. Über den Kostenteiler haben die Stadtwerke Konstanz und die Vorarlberg Lines Stillschweigen vereinbart.

Eine Lösung für die «Sonnenkönigin»

Die Österreicher standen unter Zugzwang. Und zwar wegen der «Sonnenkönigin», die 2018 erstmals für eine Revision an Land genommen werden muss. Im Moment sind damit alle Werften am Bodensee überfordert – auch diejenige in Romanshorn. Mit seinen 950 Tonnen ist das Schiff schlicht zu schwer. Die SBS wäre zwar bereit gewesen, im Rahmen des Werftumbaus im Jahr 2014 den Boden extra für die «Sonnenkönigin» zu verstärken und einen leistungsstärkeren Hellingwagen anzuschaffen, mit dem die Schiffe ins Dock gezogen werden. Die Vorarlberg Lines wollten sich aber nicht an den Zusatzkosten von mehreren hunderttausend Franken beteiligen. «Wir möchten uns eine gewisse Unabhängigkeit bewahren, das ist uns wichtig», begründete Rupp den Entscheid damals. Mit der neuen Slipanlage haben die Österreicher eine Lösung für das Problem mit dem ebenso exklusiven wie grossen Event- und Charterschiff gefunden.

Neue Perspektiven eröffnen die grösseren Kapazitäten in Fussach auch den Stadtwerken Konstanz mit ihren Fähren, die sie zuletzt teilweise in Romanshorn überholen liessen. «Wir brauchen Alternativen für den Fall, dass uns die Werft dort nicht zur Verfügung steht», sagt Geschäftsführer Norbert Reuter. Komme hinzu, dass der starke Schweizer Franken die SBS-Werft nicht attraktiver gemacht habe. Sowohl die Kosten für die Miete der Halle als auch diejenigen für die Löhne spezialisierter Drittfirmen seien gestiegen. «Wir schreiben die Aufträge jeweils europaweit aus», sagt Reuter. Ausserdem sind die Abläufe kompliziert, weil die Schweiz nicht zur EU gehört. Die ausländischen Arbeiter brauchen eine Bewilligung, was mit Aufwand verbunden ist. Und wenn neue Teile verbaut werden, müssen sie über den Zoll eingeführt werden, obwohl das Schiff nachher ausser Landes verkehre, sagt Reuter. In Österreich sei alles viel einfacher. «Es tut uns natürlich weh, dass wir unsere Kollegen in der Schweiz künftig nicht besser unterstützten können.»

SBS-Verwaltungsratspräsident Hermann Hess hätte es sich anders gewünscht. Er hat aber auch ein gewisses Verständnis für den Strategiewechsel der Stadtwerke Konstanz, die sich jetzt Richtung Österreich orientieren – trotz einer Zusammenarbeitsvereinbarung mit der SBS.

Hess hält Werftausbau nach wie vor für richtig

«Wir wussten um das Risiko, als wir vor über zwei Jahren die Werft modernisierten und erweiterten.» Die Investition von neun Millionen Franken sei kurzfristig gesehen jetzt vielleicht zu hoch. «Wir hätten zwei oder drei Millionen Franken sparen können.» Auf lange Sicht sei der Entscheid aber aus technischen und organisatorischen Gründen richtig gewesen. «Ich bereue nichts», sagt Hess. Dass künftig weniger Aufträge aus Deutschland kommen werden, sei zwar unerfreulich. Die SBS könne die Ausfälle wirtschaftlich aber verkraften. «Wir brauchen die Werft für unsere eigenen Bedürfnisse», stellt Hess klar. Auch mit Blick auf den Bau neuer Schiffe.


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