Progressive Kunst in alter Halle

ARBON ⋅ Seit 1993 geniesst die Kunsthalle Arbon ein Bleiberecht in der früheren Metallbaufirma Schädler. Auf Zusehen hin. Mit raumfüllenden Installationen hat sie in der nationalen Szene einen Namen. Am Ort ist sie eher weniger bekannt.
06. April 2016, 08:41
MAX EICHENBERGER

ARBON. Es knistert und knackt hell, wie wenn jemand auf eine Eisblase treten oder ein dünnes Glas brechen würde. Wenn die Temperatur steigt und die Sonne den Nebel durchbricht, lebt die Kunsthalle an der Grabenstrasse. Im aufgefüllten Graben ausserhalb der früheren Stadtmauer hatte August Schädler seine Metallbauwerkstatt gelassen. In Systembauweise. «In ihrer Art ist die Halle besonders», schwärmt Architekt Martin Bischof, Mitglied im Vorstand des Vereins Kunsthalle. «Die Stahl-Beton-Konstruktion stammt aus den 20er-Jahren. Im Thurgau ist es eine der ersten Bauten, die so als Rasterbau entstanden sind. Das war progressiv.» Einen progressiven Ruf geniesst die Halle heute in der Kunstszene mit ihren raumgreifenden Installationen.

Vier Ausstellungen im Jahr

Die Fassadenelemente sind in Sandwichbauweise gefertigt und mit Torf gefüllt worden. Die Beplankung in Metall entstand in eigener Produktion. Die Halle, die jahrzehntelang als Montagestätte und Blechlager diente, ist seit 1993 die vom gleichnamigen Verein betreute Arboner Kunsthalle. 600 Quadratmeter gross, wird sie mit grossen Installationen bespielt. In der Regel drei- mal im Jahr. Hinzu kommt jeweils eine Ausstellung im öffentlichen Raum. So 2009 der aufsehenerregende Brückenansatz Richtung See von Peter Glatz im Seepark. «So weit das Budget reicht.» «Aber Ausstellungen im öffentlichen Raum wollen wir nicht krampfhaft erzwingen; es muss schon passen», sagt Mitbegründerin Inge Abegglen. Und sie spricht auch den dafür erforderlichen aufwendigen «Bürokrieg» an. So brauche es temporäre Baubewilligungen. Aus archäologischer Sicht erwies sich – im nachhinein – der Schlossgraben für eine Installation als sehr heikles Unterfangen. Diese hatte das Amt auf den Plan gerufen. Es gab auch Projekte, die an den Auflagen gescheitert sind.

Plattform für Trendsetter

In der Kunstszene geniesst die Kunsthalle hohes Renommée. Nicht wenig stolz ist man im Vorstand, dass Arbon offensichtlich eine Plattform für Trendsetter ist, die heute auch international zu den Arrivierten gehören. Philipp Glatz ist einer der Reihe, der nach seiner Arboner Ausstellung mit einem Werkpreis bedacht worden ist. Der Bottighofer Daniel Keller, der inzwischen den Adolf-Dietrich-Preis verliehen bekommen hatte, ein anderer.

Die Halle ist ein herausfordernder Ort für Künstler. «Speziell ist: Künstler müssen mit dem Raum umgehen können und ihm gewachsen sein», umreisst Claudius Krucker, der seit fünf Jahren die Kunsthalle präsidiert, das Profil. Die Kunsthalle sei ein einzigartiger Ort, der experimentelle Ideen und künstlerische Innovation beflügelt– sich mit ihren Spuren der Vergangenheit, wie etwa dem welligen, nicht «geschniegelten» Boden, in die Zukunft ausrichtet. Selten kommen Künstler mit fertigen Konzepten, schon gar nicht, wenn sie noch nie vor Ort waren. Erfolgreich sind die Betreiber vor allem durch Empfehlungen, von Künstlern oder Kuratoren oder Kunsthistorikern.

Stadt muss sparen

Die Macher sind sich bewusst, dass die Kunst in Arbon selber nicht die grossen Massen bewegt und die Halle nur sehr bedingt für lokale Künstler geeignet ist. Die Strahlkraft ist mehr national – und gleichwohl ist die Kunsthalle lokal verankert. «Wir sehen uns als Botschafter und verkaufen Arbon mit experimenteller Kunst», sagt Inge Abegglen. Die kürzlich verstorbene Industriellenwitwe Mathilde Schädler selber hatte Freude an der Nutzung der Halle, wo einst Karretten und Stühle produziert worden waren. Sie unterstützte den Betrieb auch finanziell. Hautpfinanziert wird die Kunsthalle durch das Thurgauer Amt für Kultur. Die Stadt Arbon steuerte bisher 10 000 Franken bei, hat den Beitrag nun aber im Zuge von Sparmassnahmen um 500 Franken gekürzt. Anderseits ist der Mietzins sehr moderat, den sie verlangt. Wie lange die Kultur ein Bleiberecht hat, ist offen. Die Stadt hatte schon Überlegungen geäussert, die Halle besser «in Wert setzen» zu können.


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