«Niemand wird hier festgehalten»

Der Präsident der Kesb Arbon, Andreas Hildebrand, nimmt Stellung zum Fall des Ehepaares Visini. Die 87jährige Frau und der 90jährige Mann sind nach dem Spital vorübergehend ins Pflegeheim gebracht worden. Sie fühlen sich unglücklich und möchten zurück in ihr Haus.
03. November 2015, 07:38
IDA SANDL

 Herr Hildebrand, wie lange muss das Ehepaar Visini noch auf die Entscheidung über seine Zukunft warten?

Andreas Hildebrand: Das Ehepaar wurde letzte Woche in der Memory Clinic abgeklärt. Ich erwarte die Mitteilung der Clinic diese Woche. Darauf gestützt können wir dann entscheiden, ob wir sie verantwortungsbewusst nach Hause entlassen können. Ich betone aber, dass hier niemand unter Zwang festgehalten wird.

Visinis könnten also nach Hause, wenn sie darauf bestünden?

Hildebrand: Im Moment ist es so, dass keiner da ist, der ihnen helfen würde, selbständig zu leben. Eine so intensive Betreuung – wie es brauchen würde – können auch die Nachbarn und Freunde nicht gewährleisten.

Das Ehepaar Visini fühlt sich am falschen Ort im Pflegeheim.

Hildebrand: Ich sage es nochmals, die Kesb hat die Einweisung ins Pflegeheim nicht veranlasst. Wir wurden erst eingeschaltet, als sie schon dort waren.

Sie sind jetzt seit sieben Wochen in Egnach. Warum so lange?

Hildebrand: Wir haben uns sofort um den Fall gekümmert. Aber es gab eine Verzögerung, weil ein Gutachter sich zurückgezogen hat. Die Gründe darf ich nicht nennen. Es ist auch so, dass die Aussagen des Umfeldes sehr unterschiedlich waren. Die einen Nachbarn sagten, sie könnten alleine leben. Die anderen erklärten, das gehe auf keinen Fall.

Was ist, wenn die Memory Clinic zum Schluss kommt, ein Leben im eigenen Haus sei nicht möglich?

Hildebrand: Dann suchen wir nach einer geeigneten Alternative in einem Altersheim.

Könnte sich das Ehepaar Visini über den Entscheid der Kesb hinwegsetzen und trotzdem nach Hause?

Hildebrand: Ja, das könnten sie. Sie müssten dann aber ihr Leben und ihre Hilfe selber organisieren. Weil wir die Verantwortung nicht übernehmen könnten. Wenn wir zum Schluss kommen, sie können selbständig leben, dann organisieren wir auch die entsprechende Hilfe.

Weil die Kesb auch die Verantwortung trägt?

Hildebrand: Genau. Man stelle sich vor, wir entlassen das Ehepaar nach Hause und es passiert etwas. Dann heisst es doch sofort wieder, die Kesb ist schuld.

Die Kesb ist also immer die Schuldige, egal wie sie entscheidet?

Hildebrand: Die Kesb kann es kaum je allen Beteiligten recht machen. Ich bin durchaus bereit, ein Risiko zugunsten der Selbständigkeit des Paares einzugehen. Aber ich behalte mir vor, zuvor die Umstände genau abzuklären.


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