Le Corbusiers Spuren in Arbon

ARBON. Vor 50 Jahren wurden die ersten Wohnungen im Saurer-Hochhaus bezogen. Entworfen hatte das Appartementhaus für die Saurer-Angestellten Georges-Pierre Dubois, ein Neffe des damaligen Saurer-Generaldirektors und Schüler Le Corbusiers.
02. Februar 2010, 01:02
max eichenberger

Nach Le Corbusiers Plänen der Marseiller «Wohnmaschine» entworfen, entstand in Arbon ein einzigartiges Stück Thurgauer Architekturgeschichte. Damals war Albert Dubois Generaldirektor bei Saurer. Ein Welscher.

Das Unternehmen mit dem Treppengiebel als Emblem war zu einer Weltfirma gewachsen. Es lieferte Lastwagen in alle Kontinente. Die Firma beschäftigte in ihrer Blütezeit über 5500 Personen und war ein Symbol der Hochkonjunktur. Italiener wurden im Tessin angeworben als Arbeiter. An der Seebucht wurden Barackenunterkünfte erstellt.

Dutzende Busse brachten Grenzgänger aus dem Vorarlbergischen.

Wohnraum für Angestellte

Der überwiegende Teil der Arboner Erwerbstätigen fand bei Saurer das Auskommen. Eine Stadt identifizierte sich über Saurer. Die Bevölkerung wuchs, das Wohnangebot konnte mit dem Aufschwung kaum Schritt halten. Es entstanden Wohnbaugenossenschaften. Einer früheren Generation Arbeitersiedlungen folgten erste Wohnblöcke. Sie veränderten in den Fünfzigerjahren das Bild der Stadt.

Wohnraum war immer noch knapp. Arbeiter wohnten teils zur Untermiete.

Die «vertikale Stadt»

Für Abhilfe bei der Wohnungsnot sorgte Saurer gleich selber. Generaldirektor Dubois hatte einen Neffen, Georges-Pierre, der Architektur studiert hatte. Er war Schüler und Verehrer von Charles Edouard Jeanneret, der als Le Corbusier zu einem der bekanntesten Architekten des Jahrhunderts avancierte.

Er begründete die «vertikale Stadt»: Hochhäuser, die den Wohnungsmangel nach dem Krieg beheben sollten. «Unités d'Habitation» nannte er sie.

Eine moderne «Wohnmaschine»

Beim Konzept dieser sogenannten «Wohnmaschinen» stapelte er Wohnungen aufeinander. Le Corbusier stellte sich seine Häuser als in die Höhe gezogene Gartenstadt vor. Die Bewohner sollten wie in freier Landschaft leben. In Marseille entstand 1947 die erste dieser Wohnmaschinen, weitere folgten in Nantes und Berlin.

Nach dem Muster seines Lehrers projektierte und baute Dubois für den Onkel und die Saurer-Pensionskasse auf der Brühlwiese einen ebensolchen Wohnklotz auf Betonständern – eine Stadt in der Stadt für Saurer-Familien.

Bauen fürs Maschinenzeitalter

Inspiriert von Le Corbusiers neuem Wohnhaustyp und nach seinen Plänen, etwas heruntergebrochen auf Arboner Verhältnisse, verwirklichte Dubois das Hochhaus.

Kurz nachdem der Meister in Berlin das Charlottenburger Haus mit 557 Wohnungen für die Interbau erstellt hatte. In Arbon entstanden 95 Wohnzellen. Die Ähnlichkeit mit den Vorbildern ist frappant. Le Corbusier plante modulartiges Wohnen für die «neue Generation des Maschinenzeitalters». Saurer liess sich von der sozialen Idee leiten, mit dem Wohn-Kosmos seinen Beschäftigten erschwinglichen Wohnraum bereitzustellen. Das Hochhaus sollte aber auch die industrielle Potenz des Unternehmens unterstreichen.

Auf Betonstützen

Es war die Zeit vor der Expo 1964 in Lausanne, die im Geiste des Aufbruchs stand. Davon erfasst wurde auch die Architektur, die neue Antworten auf soziale Fragen und wirtschaftliche Entwicklungen liefern musste. Charakteristisch für den Gebäudetyp des Skelettbaus: ein Freigeschoss mit schrägen Betonstützen, die den ganzen Komplex tragen. Der Run auf die Saurer-Wohnungen war gross. 1960 zogen die ersten Mieter ein. Ganz fertig wurde das Hochhaus 1962.

Zwillings-Hochhaus nicht gebaut

Und es sollte nicht das einzige bleiben. Denn ursprünglich geplant war, quer versetzt unterhalb des Friedhofs, wo heute das Feuerwehrdepot steht, ein Zwillings-Hochhaus zu erstellen. Der Verkehr in der neuen «Brühl-Stadt» hätte sich zwischen den Betonstelzen wie in einem offenen, belebten Tunnel bewegt. Doch gebaut wurde das zweite Hochhaus dann doch nicht. Angeblich wegen des Schwemmgrundes, der eine noch aufwendigere Pfählung bedingt hätte. Schon beim ersten Hochhaus waren die Kosten für die Sicherung des Baugrundes sehr extensiv gewesen.


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