Deponie sorgt für Grossauflauf

Die geplante Inertstoffdeponie in Roggwil bewegt die Bevölkerung. 500 Personen besuchten am Donnerstag eine Infoveranstaltung der Gemeinde Egnach. Ganz genau hörten alle dem Roggwiler Gemeindeammann Gallus Hasler zu.
31. März 2012, 01:07
MARKUS SCHOCH

EGNACH. Mit so vielen Besuchern hatte die Gemeinde nicht gerechnet. Es mussten am Donnerstagabend nochmals über 100 Stühle in der Rietzelghalle aufgestellt werden, damit alle einen Sitzplatz hatten.

Gespannt waren die Besucher vor allem auf Gallus Hasler, den Gemeindeammann von Roggwil, der sich bis jetzt noch kaum öffentlich zur Auseinandersetzung geäussert hatte. Die Haltung von Roggwil ist entscheidend: Wenn die Deponie gebaut werden soll, müssen die Stimmbürger dort mit einer Umzonung des Geländes den Weg freimachen. Und was der Gemeinderat von den Plänen hält, ist in diesem Zusammenhang nicht unwichtig.

Roggwil wartet ab

Hasler liess sich am Podiumsgespräch unter der Leitung von Sara Kurmann Meyer von der Fachhochschule St. Gallen jedoch nicht auf die Äste hinaus. «Im Moment kann der Gemeinderat nicht entscheiden, weil uns die nötigen Informationen fehlen.» Hasler versprach aber immerhin, die Anwohner und benachbarten Gemeinden in die Diskussionen einzubeziehen, was namentlich den Arboner SVP-Stadtrat Koni Brühwiler «sehr freute» zu hören. «Das ist ein Sinneswandel», was Hasler allerdings in Abrede stellte. Dieses Vorgehen sei von Anfang an geplant gewesen.

Der Gemeindeammann von Roggwil sagte aber auch, dass die Schweiz ein föderalistisches Land sei und die Roggwiler in dieser Angelegenheit deshalb «selber entscheiden werden». Das wiederum gefiel Brühwiler ganz und gar nicht. «Mich stört der Alleingang von Roggwil.» Auch Deponiekritiker und Podiumsteilnehmer Peter Stäheli fand es stossend, dass Egnach zwar hauptsächlich betroffen wäre, aber nichts zu sagen hätte.

Nach Meinung von Brühwiler sollte deshalb der Kanton oder die Region die Verantwortung für die Deponieplanung übernehmen. Das habe sich in der Vergangenheit nicht bewährt, winkte Jürg Hertz, der Chef des kantonalen Amtes für Umwelt, ab.

«Es gibt noch kein Projekt»

Viele Fragen offenlassen musste Andreas Zürcher, Inhaber und Geschäftsleiter der gleichnamigen Firma, die in Roggwil die Deponie bauen will. Er könne nicht sagen, wie die Anlage dereinst aussehen werde. Das Gebiet sei jetzt mit 11 Hektaren nur noch halb so gross wie ursprünglich vorgesehen, da ein Landbesitzer ausgestiegen sei, nachdem er von den Anwohnern «unter grossen Druck» gesetzt worden sei. «Wir wollten ihn aus dem Schussfeld nehmen», sagte Zürcher. Die Ausgangslage sei jetzt eine ganz andere. «Es gibt kein ausgearbeitetes Projekt mit Plänen, das wir heute abend präsentieren können. Wir stehen noch ganz am Anfang.»

Er sei deshalb nicht in der Lage zu sagen, wie hoch die Schuttkegel würden, wie lange die Deponie betrieben werde oder wie viele Lastwagen dereinst täglich zufahren. «Zahlen zu nennen, würde jeder Grundlage entbehren», sagte Zürcher.

Kontroverse um Staubbelastung

Gross ist die Befürchtung der Bevölkerung, dass der häufig wehende Westwind Staub von der Deponie in die Gärten und Häuser der angrenzenden Quartiere und darüber hinaus trägt. Verschiedene Besucher der Informationsveranstaltung sprachen Zürcher am Donnerstag darauf an, teilweise mit Verweis auf andere Deponien, wo das Problem angeblich gravierend ist. «Es gibt überall schwarze Schafe», entgegnete der Unternehmer aus Zuzwil. Und weiter: «Wir müssen die Grenzwerte erfüllen, sonst erhalten wir keine Betriebsbewilligung vom Kanton.» In Gloten bei Sirnach habe seine Firma bewiesen, dass sie fähig und willens sei, die Staubproblematik zu lösen. In unmittelbarer Nähe der dortigen Deponie liege ein Weiler, und zwar in der Hauptwindrichtung. «Bis jetzt gab es noch nie Reklamationen», stellte Zürcher klar. Es sei nur ein Bagger im Einsatz.

Auch in bezug auf den Verkehr warnte Zürcher vor vorschnellen Schlüssen. «Ich bin mir nicht sicher, dass wegen der Deponie mehr Lastwagen durch Neukirch-Egnach fahren werden.» Genau das sagte Peter Stäheli am Donnerstag voraus. «Wir werden mehr Schwerverkehr haben, der auch ein Sicherheitsproblem ist.»

Es gebe bereits heute einen Deponieverkehr, der wegfallen würde, wenn die Anlage auf der Grosszälg in Betrieb wäre, argumentierte Zürcher. Angeliefert würde Aushub aus einem Einzugsgebiet von ungefähr 15 Kilometern, bei den Inertstoffen sind es vielleicht 20 Kilometer.

Der Standort ist ideal

Sich aufgrund der breiten Opposition aus Roggwil zurückzuziehen, ist für die Firma Zürcher im Moment kein Thema. «Der Standort ist ideal und einer der wenigen überhaupt, die in Frage kommen», sagte Andreas Zürcher. Sie hätten ein Recht darauf, dass ihre Unterlagen fair geprüft würden. «Wenn die Deponie machbar ist, werden wir sie bauen.»

Zumindest für Aushubmaterial besteht im Oberthurgau gemäss Hertz vom Amt für Umwelt klar Bedarf nach einer Deponie. Es gebe einen eigentlichen Notstand, war sich Raimund Hipp von der Abteilung Natur und Landschaft mit dem Roggwiler Gemeindeammann Hasler einig. Für die Inertstoffe müsste der Betreiber den Nachweis noch erbringen. Hertz liess durchblicken, dass dies kein Problem sein dürfte.

Kritiker Stäheli bezweifelte, ob es die Anlage auf der Grosszälg tatsächlich brauche. Es gebe in Schönholzerswilen in zumutbarer Distanz bereits eine riesige Inertstoffdeponie, die genügen sollte, zumal in den letzten Jahren immer weniger Material anfalle, da vieles wieder verwertet werde. Und auch die Bautätigkeit werde abnehmen.

Nach Steinach liefern?

Zudem sei der Kanton St. Gallen daran, eine grosse Inertstoffdeponie im Steinacher Tobel zu prüfen. «Wäre das nicht der richtige Moment, um mit den St. Gallern eine Liefervereinbarung in die Wege zu leiten?», fragte Stäheli.

Prognosen in bezug auf das Volumen seien schwierig, entgegnete Hertz. Mit den St. Gallern seien sie im Gespräch. Für konkrete Verhandlungen sei es aber noch zu früh. «Der richtige Zeitpunkt ist im Zusammenhang mit dem Bedarfsnachweis.»

Schönholzerswilen sei keine Alternative zur Deponie in Roggwil, sagte Zürcher. Dort könne nur wenig Aushub angenommen werden, und die Kapazität beziehe sich auf eine Betriebsdauer von bis zu 50 Jahren.


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