Widersprüchliche Ziele

BISCHOFSZELL ⋅ Herbert Renz sprach an der Elternschule über die grosse Bedeutung der frühkindlichen Beziehungswelt.
24. November 2017, 07:29

«Kinder wachsen heute anders auf als früher, und die Geschichte der Pädagogik ist in stetem Wandel begriffen», sagte Herbert Renz zu Beginn seiner Ausführungen in der Aula Sandbänkli. Der Kinderarzt und Buchautor erinnerte daran, dass während 150 Jahren die Eltern im «Saubersein» des Kindes einen wichtigen Entwicklungsschritt sahen – dies in Verbindung mit dem Lernen von Disziplin, Unterordnung und Gehorsam. «Wir leben in einer Erziehungswelt, in der wir immer neue Dinge verfolgen. Die Kinder wandeln sich nicht, aber ihre Vorstellungen», betonte Renz.

Der Referent bezeichnete es als typische Eigenart des Menschen, dass er sich der Umwelt anpasst, indem er sie verändert. «Dadurch gelingt es ihm nicht, sich auf eine neue Welt einzustellen. Die Kinder müssen sich auf eine Welt einstellen, die nicht da ist und die keiner kennt.» Für Renz führt die Tatsache, dass die Kinder ihre eigenen Geschichten entwickeln müssen, zu einem komplexen Gemisch von Erziehung und Pädagogik. Da sei zunächst das Kleinkind, das sich nach Sicherheit sehnt und später das sich entwickelnde Kind, das hinaus in die Welt will und in diesem Neuland bestehen muss.

Zwei Seiten der gleichen Münze

Renz räumte ein, dass es für Eltern schwierig sei, beides zusammenzubringen: auf der einen Seite Nähe und Beziehung, auf der anderen Seite Autonomie und Selbstständigkeit. Laut Renz zeigt das Kind die Lösung für das Zusammenbringen der beiden Entwicklungsziele selber auf, indem es in jedem Alter die Welt erobert und sich ihr zuwendet. «Wenn sich ein Kind wohl fühlt, dann ist es neugierig, lebhaft und mutig, und die beiden Entwicklungsziele liegen im gleichen Paket», führt Renz aus. Für ihn sind Sicherheit, Nähe, Schutz und Bindung die eine Seite einer Münze. Im Laufe der Entwicklung drehe das Kind dann die Münze um. «Es geht hinaus in die Welt, und indem das Kind das eine tut, sammelt es die Kraft, um auch das andere tun zu können.»

Renz appellierte an seine Zuhörer: «Es gilt, eine Beziehungskultur zu leben. In der Erziehung müssen beide Seiten – die Erziehungsheimat und die Seite der Wirksamkeit – ernst genommen werden.» Für Renz betreten die Kinder eine ungewisse Welt, in welcher sie viel Kraft und Mut benötigen, und in der sie sich auf sich selber verlassen können.

 

Werner Lenzin

bischofszell@thurgauerzeitung.ch


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