Tagblatt Online, 25. April 2012 01:05:00
Wo bleibt die Weiblichkeit?
Die Besucherinnen liessen sich im Kulturforum von der Autorin Petra Durst-Benning ihre Bücher signieren. (Bild: Rita Kohn)
AMRISWIL. Autorin Petra Durst-Benning und Sängerin Karin Fitzel führten das Publikum der Buchstücke im Kulturforum in die Geschichte des Velofahrens ein. Die Gäste schmunzelten und staunten.
RITA KOHN
Bis 1977 brauchte eine deutsche Ehefrau das schriftliche Einverständnis ihres Mannes, wenn sie einen Job annehmen wollte. Das über 50köpfige, vornehmlich aus Frauen bestehende, Publikum im Kulturforum staunte. Mit einem verschmitzten Lächeln sagte Petra Durst-Benning: «Glauben Sie nun ja nicht, dass es in der Schweiz anders gewesen wäre. Hier galt dasselbe Gesetz bis 1976.»
Mit ihrer Schilderung verschiedener Einschränkungen, denen Frauen bis in späte 20. Jahrhundert leben mussten, führte die Autorin in den Abend ein, welcher der Geschichte des Velofahrens gewidmet war. Dabei spielten die Frauenrechte eine grosse Rolle. Denn vor einigen Jahrzehnten war es mehr als unschicklich, wenn Frauen Velo fuhren.
Emanzipatorisches Buch
Sie habe eigentlich kein emanzipatorisches Buch schreiben wollen, sagte Petra Durst-Benning. Je näher sie sich aber mit der Geschichte des Velofahrens befasst habe, umso deutlicher habe sich diese Thematik ergeben.
Einen Eindruck davon vermitteln die Zitate auf den Innenseiten der Buchdeckel zu Durst-Bennings jüngstem Roman: «Solange die Welt noch schläft». Da finden sich Aussprüche über Velo fahrende Frauen wie: «Die Krone alles sportlichen Unsinns» oder die Feststellung eines Arztes: «Auf Grund einer fünfzigjährigen Praxis erkläre ich die seit zwei Jahren aufkommende Radfahrmanie der Damen schlechthin für Massenselbstmord.» Und schliesslich zitierte die Autorin aus einer Reportage: «…wo bleibt die Weiblichkeit?»
Beeindruckende Entwicklung
Ins Zentrum ihres Romans, aus dem sie einige Passagen vortrug, hatte Petra Durst-Benning drei junge Freundinnen in Berlin gestellt, die jede für sich Erfahrungen mit dem Velo und den damit verbundenen gesellschaftlichen Beschimpfungen und Vorurteilen macht. Mit einer herzerfrischenden Natürlichkeit trug die Autorin vor, begleitet von der Sängerin Karin Fitzel, die für den Abend passendes Liedgut zusammengetragen hatte.
Mehr noch als die Lesung selber beeindruckten die Erläuterungen der deutschen Autorin zur historischen Entwicklung des Velofahrens, aber auch zu den Recherchen für ihr Buch. Immer wieder brachte Petra Durst-Benning das Publikum zum Schmunzeln und zum Staunen.
Manche Besucherin – ein Teil der Gäste war mit dem Velo ins Kulturforum gekommen – stieg nach diesem Abend selbstbewusster auf ihr Velo und genoss es sichtlich, sich auf den Weg machen zu können, ohne Beschimpfungen gewärtigen zu müssen.
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