Seit Herbst im Unruhestand

AMRISWIL ⋅ Miriam Roncarati hat sein Geschäft an der Bahnhofstrasse in die Hände Kemal Karaers übergeben. Doch der langjährige Schuhmacher ist nach wie vor an seiner alten Wirkungsstätte präsent.
23. Dezember 2017, 08:24
Manuel Nagel

Manuel Nagel

manuel.nagel@thurgauerzeitung.ch

«Wir hatten viele Anfragen für die Nachfolge unseres Geschäftes», sagt Elisabeth Roncarati. «Doch entweder hatten die Interessenten kein Geld, oder es war ihnen zu viel Arbeit. Und wenn dann die Frau nicht auch noch mitmacht, wird es schwierig.»

Sie muss es wissen, denn Elisabeth Roncarati stand ihrem Mann Miriam während vieler Jahre im Schuhmacherbetrieb zur Seite. Vor einem Jahr stellte ihre Tochter eine Annonce ins Internet, «auf die sich auch ein gewisser Herr Karaer gemeldet hat», wie Elisabeth Roncarati erzählt. Kemal Karaer erinnert sich ebenfalls. Im Februar sei es gewesen, als er mitten in der Nacht aufgewacht sei, um im Internet nach einem Schuhmacherbetrieb zu suchen. Er fand zwei Einträge, einen in Arbon und einen irgendwo in der Ostschweiz – und schrieb um drei Uhr nachts zwei E-Mails.

Geordnete Unterlagen in der Ledermappe

Am Nachmittag kam ein Telefon aus Arbon, Kemal Karaer hörte sich alles an. Anschliessend rief er bei der anderen Nummer an und wollte wissen, wo denn dieser Betrieb sei. «Amriswil», antwortete Elisabeth Roncaratis, und wo er denn wohne? «Auch in Amriswil», sagte Kemal Karaer.

«Und dann ging alles ruck zuck», sagt Elisabet Roncarati. Kurze Zeit später standen Kemal und seine Frau Seda im Geschäft an der Bahnhofstrasse 19. «Wir gingen hinein...», sagt Kemal Karaer, «...und die Chemie hat von Anfang an gestimmt», vollendet Miriam Roncarati. Noch in der gleichen Woche habe man mit dem Vermieter abgemacht – und auch da habe es gepasst.

Kemal Karaer ist gelernter Drucker. «Wie mein Mann», sagt Elisabeth Roncarati. Einen weiteren Grund für die Sympathie erzählt Kemal Karaer. Er sei zum Gespräch mit einer Ledermappe erschienen. Das habe Roncaratis gefallen. «Geordnete Unterlagen», sagt Elisabeth Roncarati und lacht.

Danach ging Kemal nebst seiner Arbeit als Drucker auch noch bei Miriam Roncarati in die «Lehre» und verbrachte unzählige Stunden bei ihm in der Werkstatt. «Ich nahm alles alles alles auf Video auf, wie er arbeitet», sagt Kemal Karaer, der nach 15 Jahren im Druckgewerbe einfach mal etwas anderes machen wollte.

Ein sehr strenger Lehrmeister

Nach sechs Monate lang «learning by doing», wie es Kemal Karaer nennt, übernahm er mit seiner Frau am 1. September das Geschäft der Roncaratis. Miriam Roncarati, der schon seit längerer Zeit mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatte, musste sich Ende August einer Herzoperation unterziehen. Und auch wenn er mittlerweile kürzer getreten ist, so ist er trotzdem immer noch häufig an seiner alten Wirkungsstätte anzutreffen.

«Er kontrolliert meine Arbeit und er ist sehr streng mit mir», sagt Kemal Karaer und schaut seinen Lehrmeister mit einem Lachen an. «Oft werde ich von Kunden gefragt, ob denn mein Vater auch da sei.»

Ihr Sohn ist Kemal Karaer zwar nicht, doch er ist der Nachfolger, den sich Roncaratis gewünscht haben, um ihr Erbe als Schumacher weiterzuführen.


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