Mit Ikarus hoch geflogen

ZIHLSCHLACHT ⋅ René und Magdalena Soller haben an der Kunstschmiede-Weltmeisterschaft in Italien teilgenommen. Ihre fliegende Eisenskulptur brachte die Leute zum Staunen.
10. Oktober 2017, 07:03
Yvonne Aldrovandi-Schläpfer

Yvonne Aldrovandi-Schläpfer

bischofszell@thurgauerzeitung.ch

«Die Teilnahme an der Weltmeisterschaft war für uns ein besonderes Erlebnis», erzählt René Soller mit einem zufriedenen Lachen. Der Kunstschmied aus Zihlschlacht hat zusammen mit seiner Ehefrau Magdalena an der Kunstschmiede-Weltmeisterschaft «22. Biennale Europea d’Arte Fabbrile» zum zweiten Mal mitgemacht. Der Wettkampf findet alle zwei Jahre in Stia in der italienischenProvinz Arezzo statt – in diesem Jahr vom 31. August bis zum 3. September. Teilgenommen haben rund 200 Kunstschmiede und Kunstschmiedinnen aus etwa 20 Nationen in den Kategorien Einzel- und Gruppenwettkampf. Bekanntgegeben wurden nur die ersten drei Plätze, der Rest erhielt keine Platzierung. René und Magdalena Soller-Kuster haben es zwar mit ihrer handgeschmiedeten Skulptur «Ikarus» nicht unter die ersten drei geschafft. Doch für die beiden stand nicht das Siegen im Vordergrund, sondern die Teilnahme am Wettkampf. Das diesjährige Motto lautete «Träume».

Der Traum vom Fliegen

Ende Juli wurde den Wettkampfteilnehmenden das Thema mitgeteilt. «Sofort hatte ich das Bild im Kopf von Ikarus – den Traum vom Fliegen», erinnert sich René Soller. Mit Bleistift hat der Kunstschmied den Ikarus, die Figur der griechischen Mythologie, zuerst auf Papier gebracht und anschliessend zu Testzwecken aus Eisen umgesetzt. «Die Schwierigkeit lag darin, Ikarus ins Gleichgewicht zu bringen, damit er auf der Eisenstange schwebt. Zudem musste die Zeitvorgabe eingehalten werden», erklärt der passionierte Schmied.

Am letzten Abend im August war es dann so weit. Während dreier Stunden fertigte René Soller in Stia seinen fliegenden Ikarus aus Eisen an – in der Einzelkategorie. In dieser Kategorie kann ein Zuschläger als Hilfsperson mitwirken, diese Unterstützung übernahm seine Ehefrau Mag­dalena. Ihre Hauptaufgabe lag darin, die Eisenteile, die für die Anfertigung der Skulptur benötigt wurden, im Schmiede­feuer zu erhitzen und sie nicht verbrennen zu lassen.

Es sei schon eine spezielle Atmosphäre auf der Piazza Mazzini gewesen: «Unter einem Sonnen-/Regendach inmitten von zwölf Schmiedeplätzen, zwischen den brennenden Feuern, singenden Ambossen und einer Zuschauertribüne», führt René Soller aus. Man vergesse die Welt um sich herum und sei nur noch aufs Schmieden konzentriert. «Wir erhielten durchwegs positive Rückmeldungen, und die Leute waren fasziniert von unserem Werk. Sie staunten, dass unser Ikarus fliegt.» Mit der Teilnahme an der Kunstschmiede-Weltmeisterschaft verpflichten sich die Künstler, ihre Werke dem Veranstalter zu überlassen. Die Eisenobjekte werden in Ausstellungsräumlichkeiten in Stia gezeigt. Sollers sind deshalb nur noch im Besitz ihres Übungsobjektes, auf das sie aber nicht minder stolz sind.

Seine Leidenschaft zum Beruf gemacht

Was vor zwölf Jahren als Hobby begann, ist inzwischen zu einer grossen Leidenschaft geworden. «Damals habe ich an einer Ausstellung bei Kunstschmied Hugo Berger in Biessenhofen Feuer gefangen», sagt René Soller und lacht. Magdalena habe ihm darauf einen Schmiede-Einführungskurs bei Hugo Berger geschenkt. Weiteres Wissen hat sich René Soller im Eigenstudium erworben, unter anderem beim Lesen von unzähligen Fach­büchern. Bald schon habe er seine erste Schmiedewerkstatt in einem Zelt im eigenen Garten untergebracht. Vor acht Jahren ging dann ein langgehegter Traum in Erfüllung. Der Kunstschmied bekam die Möglichkeit, einen Scheunenteil gegenüber seinem Wohnhaus zu mieten. Dort betreibt er seither sein Kunstschmiedeatelier.

Im Februar vergangenen Jahres hat René Soller seine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Zuvor war er als Krankenpfleger und Berufsschullehrer für Krankenpflege tätig. In verschiedenen Bereichen hat er über 30 Jahre im Kantonsspital St. Gallen gearbeitet. «Ich wollte mich nochmals einer neuen Herausforderung stellen – einen Traum erfüllen. Und zudem waren zu jenem Zeitpunkt unsere vier Söhne bereits erwachsen», erklärt der 55-Jährige seine Motivation. Den Schritt in die Selbstständigkeit habe er noch nie bereut, und kreativ sei er schon immer gewesen. Was René Soller macht, tut er mit viel Hingabe und Begeisterung – einst zum Wohle der Patienten und Mitarbeitenden, heute zum Wohle der Kunden. Besonders stolz ist er auf sein Meisterstück, wie er die Lokomotive nennt – das Wirtshausschild, das an der Fassade beim Restaurant Eisenbahn in Bischofszell prangt. Nebst Kunstgegenständen macht der Zihlschlachter unter anderem auch Neuanfertigungen von Geländern, führt Restaurationen aus und bietet Kunstschmiedekurse an, bei sich und in der Klangschmiede Toggenburg.

René Soller hofft, dass er seinen Beruf noch lange ausüben kann. «Denn schmieden kann man schliesslich auch noch nach der Pensionierung.»

www.kreativschmiede-soller.ch


Leserkommentare

Anzeige: