Malender Philosoph

BISCHOFSZELL ⋅ Kunstmaler Aurelio Wettstein, laut Eigendefinition «ein realistischer Optimist, der versucht, täglich Neues zu entdecken», bereitet seine nächste Ausstellung vor. Sie wird dem Thema Energien gewidmet sein.
12. August 2017, 08:48
Georg Stelzner

Georg Stelzner

georg.stelzner@thurgauerzeitung.ch

Mit dem Langzeitprojekt «Artepositiv» hat sich Aurelio Wettstein in der Szene einen Namen gemacht. In der Regel alle zwei Jahre lädt der Bischofszeller Kunstmaler zu einer Ausstellung ein. Diese steht jeweils unter einem bestimmten Motto und findet immer an einem aussergewöhnlichen Ort statt. Somit nie in einer Galerie, denn das würde Wettsteins ausgeprägtem Drang nach Autonomie zuwiderlaufen. «Die Ausstellungen sind ein bewusster und konstanter Werdegang in meinem künstlerischen Dasein», sagt Wettstein.

Im Jahr 2018 ist es wieder so weit. Wo die nächste Ausstellung stattfinden wird, steht aber noch nicht fest. Bekannt ist hingegen das Thema. Wettstein befasst sich diesmal mit Energien. Die Vorstellung, dass Menschen imstande sind, sich eigene Kraftquellen zu erschliessen, um Herausforderungen erfolgreich zu meistern, beeindruckt Wettstein so sehr, dass er sich damit künstlerisch auseinandersetzen möchte. Und das nicht nur mit dem Pinsel, sondern auch literarisch. Ausgangspunkt seines Kunstschaffens ist stets das Schreiben. Wettstein verfasst philosophische Texte, um sie anschliessend auf der Leinwand zu visualisieren. Beides gehört für den 68-Jährigen untrennbar zusammen. «Ich versuche, Sachen zu machen, die es noch nicht gegeben hat, die einmalig sind», sagt Wettstein. Dass sich die Interpretation eines Betrachters bisweilen von der eigenen Intention unterscheidet, stört Wettstein nicht. Im Gegenteil. Das sei gerade das Spannende, was ein Kunstschaffender auslösen könne, argumentiert er. «Mit Leuten zu kommunizieren, die von einem Kunstwerk fasziniert oder vielleicht sogar irritiert sind, ist eine höchst interessante Erfahrung.» Wettstein vertritt den Standpunkt, dass sich Künstler und Publikum auf Augenhöhe begegnen sollten. «Kunst darf nicht elitär sein», betont er und räumt ein, dass der Betrachter – ungeachtet des individuellen Bildungsgrades – nie inkompetent sei, sondern immer recht habe. «Wenn jemand Freude an einem Bild hat», so Wettstein, «dann ist der Zweck vollends erfüllt.»

Die Kunst legt niemandem Fesseln an

Hin und wieder denkt Wettstein an seine Jugend zurück, an seinen Traum, den Lebensunterhalt mit der Malerei zu verdienen. «Man hat mir damals aber nahegelegt, einen ‹anständigen› Beruf zu erlernen», erzählt Wettstein. Das habe er dann auch gemacht. Vor zwei Jahrzehnten hat er jedoch begonnen, Versäumtes intensiv und lustvoll nachzuholen. Auch als Ausgleich zur beruflichen Tätigkeit, wie er ergänzt. Mit der Pensionierung hat die Schaffenskraft weiter zugenommen. Den Reiz erklärt Wettstein so: «Ich habe in der Kunst keine Grenzen zu beachten, keine Vorbilder, die ich nachahmen muss, und erfahre dadurch stets neue Möglichkeiten, mich zu entfalten.»


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