Er hatte «en lange Schnuuf»

AMRISWIL ⋅ Heute ist offiziell der letzte Arbeitstag von Schulpräsident Markus Mendelin. Im Interview mit der TZ blickt er zurück auf seine zwölfjährige Amtszeit und verrät seine Zukunftspläne.
31. Juli 2017, 07:15
Manuel Nagel

Manuel Nagel

manuel.nagel@thurgauerzeitung.ch

Markus Mendelin, Sie sind nur noch wenige Tage im Amt. Welches sind Ihre Gefühle?

Ich freue mich auf meine Pensionierung, auf die Unternehmungen mit meiner Frau. Ich habe auch ein gutes Gefühl. Ich hinterlasse eine Schule, die in einem sehr guten Zustand ist. Deshalb kann ich hier gut weggehen.

Keine Wehmut, dass schon bald alles vorbei ist?

Nein, die ist nicht mehr vorhanden. Ich hatte eine lange Abschiedstournee durch alle Schulhäuser, wo ich schöne Erlebnisse hatte und viel Wertschätzung erfahren habe. Da war immer auch ein bisschen Wehmut dabei. Beim Examenessen gab es einen tollen Schlusssong – und das war auch das Ende der Wehmut.

Ist es auch eine Erleichterung, die Verantwortung, die auf Ihren Schultern lastete, abgeben zu können?

Nein, das nicht. Aber ich lasse Leute zurück, mit denen ich unglaublich gerne zusammengearbeitet habe. Das ist es, was ein wenig weh tut. Aber das ist der Lauf der Zeit.

Das Examenessen am 7. Juli war quasi die offizielle Verabschiedung von der Lehrerschaft. Was gab es seither noch zu tun?

Zusammen mit meinem Nachfolger Christoph Kohler haben wir geschaut, dass wir eine saubere Übergabe machen können. Ich habe alle Geschäfte und Projekte sauber dokumentiert und Christoph Kohler übergeben, damit er weiss, was läuft. Das ist gut aufgegleist und ich kann nun mit gutem Gewissen in die Pension.

Welche Pläne haben Sie für diese Pension?

Am 1. September fahren meine Frau und ich für drei Monate nach Florenz. In einem anderen Kulturkreis einen Break machen, sich mit Kultur auseinandersetzen und auf andere Gedanken kommen. Ich war nun 23 Jahre lang Schulpräsident. Schon mein Vorgänger in Opfikon-Glattbrugg hat mir 1994 vor meiner Wahl dort bei einem Glas Weisswein gesagt: «Du musst einfach wissen, du bist sieben Tage in der Woche und 24 Stunden Schulpräsident.»

Und lag er damit richtig?

Absolut. Man kann in diesem Job aufgehen – und ich bin darin voll aufgegangen. Ich war am richtigen Ort bei der Volksschule. Das ist für mich ein hervorragendes Projekt. Ich habe oft gesagt, die Schweizer Volksschule müsste man eigentlich ins Unesco-Weltkulturerbe aufnehmen. Ich hatte wirklich Glück, dass ich die letzten 23 Jahre solch einen tollen Job machen durfte.

Auf was freuen Sie sich besonders? Gab es Dinge, für die Sie keine Zeit fanden, die Sie nun in Angriff nehmen können?

Wir werden uns vermehrt um unsere Enkel kümmern. Auch möchte ich wieder künstlerisch tätig sein. Ein wenig malen und zeichnen, aber auch schreiben. Mal schauen. Ich nehme es, wie es kommt.

Sie sind kulturinteressiert. Haben Sie nach Ihrem Umzug nach Amriswil die Nähe zur Grossstadt nie vermisst? Das kulturelle Angebot in Zürich ist um ein Vielfaches grösser.

Nein, denn es hat hier eine sehr gute lokale Kulturszene. Da haben wir uns relativ schnell hineingefunden und auch an vielen Veranstaltungen teilgenommen. Und hatten wir einmal Sehnsucht nach mehr Professionalität, dann sind wir in den Schnellzug gestiegen und schauten uns im Schiffbau Aufführungen des Schauspielhauses an. Zudem haben wir seit vielen Jahren auch ein Abo im Stadttheater Winterthur.

Sie waren zuvor Schulpräsident in Opfikon, eingekeilt zwischen der Stadt und dem Flughafen. Aufgewachsen sind Sie gar in der Stadt Zürich. Wie schnell haben Sie sich als urbaner Mensch hier im beschaulichen Oberthurgau zurechtgefunden?

Wir haben uns schnell eingelebt, weil wir hier gute Leute kennen gelernt haben. Das ist der Vorteil eines solchen überschaubaren und ländlichen Systems. Man lernt schneller Leute kennen. Sie sind zugänglicher. In der Stadt hockt man zwar näher aufeinander, was aber noch lange nicht heisst, dass man auch schneller miteinander Kontakt hat.

Sie haben sich bereits geäussert, hier bleiben zu wollen. Wann kam dieses Gefühl auf, hier zu Hause zu sein?

Im Unterbewusstsein ist dieser Entscheid, hier Fuss zu fassen, gefallen, bevor ich in dieses Amt eingetreten bin. Unser Haus haben wir bereits vorher gekauft. Hier wollten wir bleiben, uns einbringen und dazugehören. Wir fühlen uns sehr heimisch und haben nicht im Sinn, von hier wegzuziehen.

Erinnern Sie sich an die Anfänge? Was bleibt Ihnen in Erinnerung aus dieser Zeit?

Ich wollte mit allen Mitarbeitern der Schule ein Gespräch führen. Das waren in den ersten Monaten rund 200 Gespräche. Das war ein gutes Erlebnis, diese Leute zu spüren und auch zu zeigen, dass man Interesse an der Person hat. Das ist auch etwas, was man mir häufig attestiert hat, dass ich ein guter Zuhörer bin.

Wie sind Sie in Amriswil aufgenommen worden?

Hier hatte niemand auf mich gewartet. Ich wurde gewählt und man wusste: Da kommt ein Zürcher. Ich konnte mich erst durch Arbeit, Projekte, Gespräche und Visionen langsam profilieren.

Stiessen Sie auch auf Widerstand in dieser Anfangszeit?

Widerstand gibt es immer, wenn Althergebrachtes verändert werden soll. In Sommeri und Hefenhofen beispielsweise hatte man Angst, die Amriswiler würden ihnen nun die Turnhalle wegnehmen – obwohl die ja dort stehen blieb. Da musste ich Überzeugungsarbeit leisten.

In diesen zwölf Jahren haben Sie sehr vieles angerissen und auch verwirklicht. Welches ist rückblickend das wichtigste all dieser Projekte?

Das ist die lokale Bildungslandschaft. Das Knüpfen eines Netzwerkes zwischen allen, die in irgendeiner Form mit Bildung zu tun haben.

Gab es auch Projekte, die Sie nicht realisieren konnten?

Die Mühlebacher Kinder haben das in ihrem Abschiedslied schön besungen. Ich hätte manchmal «en lange Schnuuf» benötigt. Das war tatsächlich so. Für die Tagesschule Nostra haben wir sicher sieben Jahre gebraucht. Gewisse Dinge müssen auch in der Gesellschaft auf Akzeptanz stossen. Da muss man manchmal einfach warten. Alles braucht ein wenig Zeit und muss wachsen.

Was war Ihr schwierigster Entscheid, den Sie in diesen zwölf Jahren treffen mussten?

Dass ich zurücktrete. Das war vor einem Jahr. Ich hatte mich damals wirklich schweren Herzens entschieden, aufzuhören.

Hat auch eine Rolle gespielt, dass Sie nun die Schule als gesamte Bildungslandschaft übergeben können, dass viele Projekte abgeschlossen sind?

Ja, für mich ist es ein guter Zeitpunkt, um aufzuhören. Jetzt bringt man mir viel Wertschätzung entgegen. In vier Jahren hätte man vielleicht gesagt: «Es ist Zeit, dass er geht.»

Welches prägende Ereignis bleibt Ihnen in Erinnerung?

Die Einweihung des Schulhauses in Oberaach war ein Meilenstein. Wir haben viele Jahre daran gearbeitet und es ist auch architektonisch ein schönes Gebäude.

Gab es auch traurige Momente, die Ihnen nahegingen?

Wenn Schüler oder Familien die Kurve nicht kriegen und man hilflos dasteht. Auch die zwei Todesfälle: Suizide von Schülern gehen nicht spurlos an einem vorüber.

Sie sind Mitglied der SP. Wie erlebten Sie die Zusammenarbeit mit den anderen Parteien in einer SVP-Hochburg?

Ich fand es immer eine sehr gute Zusammenarbeit. Man ging sehr pragmatisch miteinander um. Es gab sehr wenig Ideologie im Laufe dieser drei Amtsperioden. Man konnte Sachen erklären und miteinander besprechen. Meistens war es sehr konstruktiv.


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