Die Spiegel des Simon Enzler

AMRISWIL ⋅ Der Appenzeller Kabarettist bescherte dem Verein Kulturforum ein volles Haus.Enzlers Programm «Primatsphäre» war schon seit längerer Zeit ausverkauft.
06. Dezember 2017, 05:22

Ein einfaches «Grüezi» ins Publikum reicht Simon Enzler bereits, um die ersten Lacher zu bekommen. Und es wurde viel gelacht an diesem Freitagabend im Kulturforum – eigentlich bei jedem einzelnen Fluch des Appenzellers. Eigentlich fluche er ja gar nicht «ase satansvill», meinte er irgendwann nach der Pause, wollte sich aber dennoch vergewissern: «Fluech i vill», fragte er. «Was jo? Am Födle jo!» entrüstete er sich künstlich cholerisch, was sogleich wieder mit Lachen quittiert wurde. Und bei anderer Gelegenheit sagte er zu den über 200 Leuten im Saal: «Ihr klatscht auch wegen allem.»

Lieber Schwein im Kebab statt Gülle auf der Wiese

Rahmenhandlung von Simon Enzlers Programm war eine Wohnung im Appenzellischen, die der Künstler gerne vermieten wollte. Natürlich nicht an Ausländer. Einer, der im Stande ist, Afrika Knall auf Fall zu verlassen, der sei doch kein verlässlicher Mieter, sagte Enzler. Die hätten ja auch kein geregeltes Einkommen. Das wisse er selber, er habe ja eine Putzfrau aus Eritrea. Wie die das mit ihrem kleinen Lohn nur mache, sagte er. Und manch einer fragte sich wohl, ob wirklich alle im Publikum den Wink mit dem Zaunpfahl kapiert haben, als sie von Enzler den Spiegel vorgehalten bekamen.

Selbst auf Enzlers Frage, ob es Moslems im Saal habe, gab es die erwarteten Reaktionen. «Darf ich dieses Lachen als Ja interpretieren?», fragte er. Den einzigen Mohammed, den er kenne, sei der vom Kebabstand und mit ihm habe er kein Problem, solange er ihm «statt dem verdammte, ­böckelige Lammfleisch gnueg Schwinigs» in den Kebab packe. Und solange sein Nachbar bei bestem Grillwetter Gülle auf die Wiese nebenan schütte, gebe es doch viel grössere Probleme als den Islam. Ginge es nach ihm, könne der Nachbar wie ein Muezzin vom Heustock herunter­rufen, solange er das «Bschüttifass» drin lasse, rief Enzler.

Doch der Appenzeller hatte auch jede Menge Seitenhiebe gegen den Thurgau auf Lager. Als sein Techniker die Bühne mit Rauch eingenebelt hatte, meinte er, es sehe nun aus wie neun Monate im Thurgau. Auch die zahlreichen Bemerkungen zum Einkaufstourismus platzierte er so, dass sich wohl mancher ertappt fühlte – und trotzdem lachte.

Nach über zwei Stunden Programm gewährte Enzler eine Zugabe, die explizit keine Zugabe sein sollte. Er möge dieses Getue nicht: weg von der Bühne, klatschen, wieder zurück und so weiter. Es sei nun fertig. Doch keiner machte Anstalten aufzustehen. «Es hat schon fast eine tragische Komponente, wenn ein Saal Thurgauer einem Komiker auf der Bühne zuschaut, wie er nichts tut», sagte Enzler. Es war der letzte Spiegel, den er vorhielt.

 

Manuel Nagel

manuel.nagel@thurgauerzeitung.ch


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