Diavolo stichelt gegen Calzone

AMRISWIL ⋅ «Die Schurken» eröffneten erfolgreich die neue Saison des Kulturforums. Die Furcht der Verantwortlichen vor leeren Rängen war unbegründet.
04. Oktober 2017, 05:20

«Wenn’s nach meinen Kollegen ginge, dürften Sie gar nicht hier sein», sagt Arrabiata. Seine Sonnenbrille besteht nur aus einem dunklen Glas – und irgendwie ist der ängstliche Typ auch als ­Mafioso nur eine halbe Portion. Eigentlich ist er gar kein Gangster. Höchstens ein Möchtegerngangster. Viel mehr ist er Musiker, der auf seine drei Freunde wartet, die jeden Moment die Bühne betreten sollten und dabei keine Ahnung haben, dass Arrabiata schon wieder eine Konzertprobe zu Geld gemacht und Tickets dafür verkauft hat.

So weit die Rahmenhandlung zu Beginn, welche das Publikum gleich mitnimmt auf eine Reise. «Odyssee» nennen die vier Musiker ihr inszeniertes Konzert und «Die Schurken» nennen sie sich leicht ironisch selbst, was sie mit ihrer Kleidung unterstreichen.

Diesmal hat Arrabiata rund 70 Tickets verkauft, womit das Kulturforum schon ziemlich gut besetzt ist, das Konzert aber dennoch in einer sehr stimmigen und familiären Atmosphäre stattfindet. Donato Saragoni von der Programmkommission zeigt sich ­erleichtert über den grossen ­Aufmarsch, befürchtete er doch aufgrund der spärlichen Reservationen im Vorfeld lichte Stuhlreihen. Die Sorge war unbegründet.

Saubere Töne trotz Griffs zum Flachmann

Unbegründet sind auch die ­Zweifel derjenigen Besucher, das Quartett könnte musikalisch so stümperhaft sein, wie die vier als Mafiosi sind – trotz klingender Namen wie Arrabiata (Trompete), Mozzarella (Klarinette), Diavolo (Akkordeon) und Calzone (Kontrabass). So lustig die Inszenierung mit den Namen ist, so ernsthaft gehen die vier Profimusiker jedoch ihr Konzert an. Und so sauber sie die Töne treffen, lässt dies nur den Schluss zu, dass in den Flachmännern, aus denen sie immer wieder einen Schluck zu sich nehmen, nichts als Wasser drin ist.

Der Schaffhauser Goran Kovacevic lernte seine drei österreichischen Kollegen im Symphonieorchester Vorarlberg kennen, und die Chemie stimmt zwischen den vieren offensichtlich nicht nur musikalisch, obwohl sie sich während des Konzerts immer wieder necken und zu kleinen Nadelstichen ansetzen. «Ich ­singe sehr gerne», sagt Calzone. «Nächste Woche singe ich zum Beispiel im Ausland.» «Wie rücksichtsvoll», entgegnet Diavolo.

Es gibt jedoch nur eine Gesangseinlage an diesem Abend. Sonst spielen «Die Schurken» von klassischen Werken Bachs und Schostakowitschs bis hin zur Volksmusik, von Tango bis zum «Schurkenkonzert» des türkischen Komponisten Murat Üstün alles, was ihnen gerade auf den Notenständer fällt. Und wenn Diavolo am Akkordeon nach einem ruhigen Stück von Bach selig lächelnd seine drei Kollegen anschaut und ein «himmlisch» als Kommentar von sich gibt, grantelt keine Sekunde später Arrabiata, dass ihnen so ja das Pu­blikum einschlafen würde. «Hat Bach nicht auch was Zünftiges geschrieben?» «Liegt schon auf», sagt Mozzarella und das Quartett liefert sogleich den Tatbeweis.

 

Manuel Nagel

manuel.nagel@thurgauerzeitung.ch

www.dieschurken.at


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