«Der Alltag ist entspannter»

AMRISWIL ⋅ Die Volksschulgemeinde bietet zusammen mit Conex Familia eine Elternlehre an. Kursleiterin Nadine Wolfer sowie die Eltern Sandra und Markus Schlumpf und Tanja und Jerry Mack erzählen von ihren Erfahrungen.
07. Oktober 2017, 09:11
Manuel Nagel

Manuel Nagel

manuel.nagel@thurgauerzeitung.ch

Nadine Wolfer, Sie leiten das dritte Modul der Elternlehre. Wie ist der Kurs angelaufen?

Nadine Wolfer: Wir sind gut gestartet mit topmotivierten Teilnehmern mit vielen Fragen und Ideen. Es ist sehr bereichernd. Die Teilnehmer sind gut aufeinander zugegangen. Man merkt, sie leben mit den anderen mit.

Wenn man von seinen Kindern erzählt und über Probleme spricht, ist das Zwischenmenschliche sehr wichtig. Fiel es Ihnen nicht schwer, sich in der Gruppe zu öffnen und etwas Intimes aus Ihrem Familienleben preiszugeben?

Jerry Mack: Ich nehme eh nie ein Blatt vor den Mund und habe keine Geheimnisse. Mir ist nichts peinlich. Tanja Mack: Man hat in der Gruppe schnell gemerkt, dass es die gleichen Schwierigkeiten gibt. Und wenn dann alle sagen «Oh ja, diese Situation habe ich auch schon erlebt», dann fällt es einem leichter, davon zu erzählen, weil es allen gleich geht.

Das wird nicht immer so sein. Was ist, wenn es mal in einer Gruppe nicht so gut läuft?

Nadine Wolfer: Die Dynamik ist immer unterschiedlich. Es kann sein, dass sich die Teilnehmer nicht so gut verstehen. Dann ist es meine Aufgabe als Kursleiterin, das aufzufangen und zu thematisieren. Aber in dieser Gruppe haben wir Glück gehabt.

Wie war der erste Kursabend mit lauter Gleichgesinnten, welche ähnliche Probleme oder Freuden haben?

Markus Schlumpf: Alle waren von Beginn weg sehr offen. Man fühlt sich dann nicht so allein, weil jeden dieselben Probleme beschäftigen. Erzählt man etwas, so kommt häufig aus der Runde ein zustimmendes «Das ist bei mir auch so». Spannend ist auch der Austausch zu Beginn, wenn die anderen erzählen, dass eine Aufgabe, die man mit nach Hause genommen hat, gut geklappt hat.

Haben Sie ein Beispiel für eine solche Aufgabe?

Markus Schlumpf: Bei unserem älteren Sohn, der ist jetzt drei Jahre alt, haben wir gelernt, dass spielen für ihn eine ernsthafte Tätigkeit ist. Wenn man dann als Eltern kommt und sagt «So, fertig, Pyjama anziehen», dann ist das ein sehr abrupter Unterbruch. Ich habe versucht, ihn darauf vorzubereiten, und mein Handeln anzumelden: «Jetzt räume ich den Znacht weg, dann komme ich und wir ziehen das Pyjama an.» So war er vorinformiert und das hat auch super funktioniert. Vorher war es für ihn oft wie eine Überforderung, bei der er anfing zu trotzen oder wegzurennen.

Hatten Sie ein ähnliches Erfolgserlebnis?

Tanja Mack: Die gab es auch, ja, aber nicht immer. Einmal habe ich genauso gehandelt, wie wir es im Kurs besprochen haben – aber das hat unsere Tochter überhaupt nicht interessiert.

Welche Situation war das?

Tanja Mack: Sie wollte ihr Pyjama nicht anziehen. Ich habe es angesagt und sie vorbereitet, wie wir es gelernt haben. Doch sie stand da, meinte «Nein, ich will das nicht» und zuckte mit den Schultern, als wolle sie sagen «Na, was macht ihr nun?». Diese aufmüpfige Antwort hat mich doch ziemlich erstaunt. Aber allgemein klappt es sehr gut. Wenn ich ihr sage, ich erledige noch das und danach ziehen wir die Schuhe an, dann macht sie das auch.

Nadine Wolfer: Was Frau Mack beschreibt, ist, wenn ein Kind kompetent ist. Wo kann man Verantwortung und Partizipation ans Kind abgeben und wo braucht es meine Führung. Das beschreibt sie hier sehr gut. Als Eltern muss man lernen, wo das Kind steht, wo es kompetent genug ist, um Entscheidungen treffen zu können. Vielleicht kann es schon entscheiden, ob es ein rotes oder blaues T-Shirt anziehen will, aber es kann noch nicht entscheiden, ob es Sommer- oder Winterkleider anziehen soll, wenn es das Wetter nicht richtig einschätzen kann. Dann braucht es Führung und einen Entscheid der Eltern.

Und was ist die richtige Reaktion, wenn ein Kind dennoch einmal trotzig ist?

Nadine Wolfer: Wir probieren, solchen Situationen vorzugreifen, dass das Kind gar nicht in diese Frustsituation kommt, dass man sein Kind gut lesen kann, wo es nicht überfordert wird. Manchmal gehört es aber einfach dazu, dass es trotzt. Es ist auch eine wichtige Erkenntnis, dass solche Trotzphasen zur Entwicklung eines Kindes gehören.

Sandra Schlumpf: Mir hat beim zweiten Kind sehr geholfen, wenn ich mir vorher einen Plan zurechtgelegt habe. Was mache ich, wenn eine Eskalationssituation kommt, wenn man übermüdet ist oder keine Energie hat. Man steht dann viel besser da, wenn man einen Plan hat.

Sind Sie durch den Kurs ausgeglichener und ruhiger geworden?

Jerry Mack: Ich merke bei meiner Frau, dass sie im Umgang souveräner geworden ist.

Tanja Mack: Für mich ist der Alltag insgesamt entspannter geworden, auch wenn ich mit meiner Tochter allein bin.

Kinder können für eine Beziehung auch belastend sein. Hat Ihnen dieser Kurs auch etwas für Sie als Paar gebracht?

Sandra Schlumpf: Was ich sehr bereichernd fand, war der Austausch durch den Kurs. Eine Basis schaffen und sich bewusst werden, was unsere Werte und Regeln als Eltern sind.

Markus Schlumpf: Wenn ich von der Arbeit heimkomme und merke, für meine Frau war der Tag sehr streng, dann kann ich übernehmen und komme mit frischer Energie rein. Aber dennoch gelten bei mir die gleichen Regeln.

Wie haben Ihre Bekannten reagiert, dass Sie die Elternlehre besuchen?

Tanja Mack: Ich werde oft gefragt, wie es ist und was hier besprochen wird. Meine Kolleginnen sind sehr interessiert.

Markus Schlumpf: Unter Männern wird man schon eher ein bisschen komisch angeschaut. «Was für einen Kurs macht ihr?», bin ich oft gefragt worden. Ich war am Anfang auch eher skeptisch, kam hierher und da sassen nur Frauen. Zuerst dachte ich, dass ich der einzige sei, der sich überreden liess – aber zum Glück sind dann doch noch zwei Männer aufgetaucht.

Sandra Schlumpf: Mein Mann dachte zuerst, lieber zu zweit einen schönen Abend verbringen, als in diesen Kurs zu gehen.

Und wie lautet nun Ihr Fazit?

Markus Schlumpf: Es hat sich in jedem Fall gelohnt. Ich konnte gewisse Werkzeuge für mich mitnehmen, die gut funktionieren und die ich brauchen kann.

Jerry Mack: Durch die gewonnenen Erkenntnisse in diesem Kurs hat man ja auch mehr Ruhe zu zweit. So kann man auch mal früher zusammen aufs Sofa sitzen und einen Film schauen.


Leserkommentare

Anzeige: