«D’Fabrik isch uus …»

AMRISWIL ⋅ Über die 200-jährige Industriegeschichte des Fabrikareals Schlösslipark in Oberaach wusste Alfons Bieger viel Spannendes zu berichten. Der pensionierte Amriswiler Mediziner war Gasterzähler im Ortsmuseum.
03. Oktober 2017, 05:17
Yvonne Aldrovandi-Schläpfer

Yvonne Aldrovandi-Schläpfer

amriswil@thurgauerzeitung.ch

Oberaach blickt auf eine be- wegte Geschichte zurück. Alfons Bieger hat sich auf historische Spurensuche zur 200-jährigen Industriegeschichte im Schlösslipark gemacht und die umfangreichen Forschungsergebnisse zusammengetragen. Mehr als 70 Besucher durfte Eugen Fahrni zur sonntäglichen Erzählstunde im Ortsmuseum Amriswil begrüssen. Der Ortsmuseumspräsident bezeichnete den Gasterzähler Alfons Bieger als Psychiater im Ruhestand und Detektiv im Unruhestand.

«Seit 1985 werden im Schlösslipark keine Schuhe mehr produziert, und an die schon viel früher geschlossene Gerbi erinnert nur noch das Strassenschild der Gerbereistrasse», sagte Alfons Bieger. Da bis anhin nur wenig über Oberaach geschrieben wurde, hat sich der pensionierte Mediziner in aufwendiger Arbeit mit der Geschichte über die Industrie an der Aach befasst. Geholfen haben ihm dabei Abbildungen, alte Folianten und zahlreiche Notizen aus Archiven. Unterstützt wurde er vom Ortsmuseumsmitglied Walter Haas, dem ehemaligen Amriswiler Primarlehrer Andreas Oettli sowie dem Archivar des Thurgauer Staatsarchivs Beat Oswald. Über die unzähligen neuen Informationen und Erkenntnisse ist die Herausgabe einer illustrierten Schrift geplant.

Aus einem Kaufprotokoll im Staatsarchiv gehe hervor, dass Jakob Rutishauser im Jahre 1811 das Oberaacher Schlössli gekauft und sich zusammen mit seiner Familie dort niedergelassen hatte. Das Haupt- und die Nebengebäude haben ihn die stolze Summe von 8900 Gulden gekostet.

Schlössli-Areal unter den Söhnen aufgeteilt

Die Familie habe sich rasch etabliert und gehörte wohl zur dörflichen und kantonalen Oberschicht. Jakob Rutishauser sei Fabrikant gewesen, mehr über seine Tätigkeit sei nicht zu erfahren. «Ich halte es für wahrscheinlich, dass er 1811 die Gerberei gegründet hatte», sagte Bieger.

Jakob Rutishauser habe später dann das Schlössliareal unter die beiden Söhne Johannes und Isaak aufgeteilt. Isaak habe 1838 eine Weberei gebaut, welche in der damaligen Zeit von grosser Bedeutung war. Zudem richtete Peter Menzi im Haus eine Garnfärberei ein. In den späteren Jahren gab es noch einen Stickereibetrieb. 1904 kaufte Arnold Löw das Schlössliareal und gründete eine Schuhfabrik. Mit dem robusten Rahmenschuh schrieb dieser Erfolgsgeschichte. Im Jahre 1926 wurde die Fabrik ausgebaut. Der damalige Umbau hat im Wesentlichen den Gebäudekomplex geschaffen, wie er heute noch zu sehen ist.

Unlösbare Spannungen führten zum Verkauf

Als Arnold Löw sechs Jahre später verstarb, übernahm sein Sohn Hans die alleinige Geschäftsführung. Neuerungen wurden eingeführt und schweizweit entstanden Löw-Verkaufsgeschäfte. 1950 übernahmen Hans jun. und sein Bruder Willi die Firma mit rund 400 Angestellten. Unlösbare Spannungen führten 1975 zum Verkauf des Betriebes. Roger Zimmermann kaufte das Unternehmen, musste dann aber zehn Jahre später die Schuhproduktion einstellen.

Alfons Bieger hob das letzte Relikt der Oberaacher Industriegeschichte auf und bimmelte mit der alten Fabrikglocke. «D’Fabrik isch uus …», sagte er lachend.


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