Busse voll mit Zugspionen

ERLEN ⋅ Der Gewerbeverein Amriswil lud zur Besichtigung der Stadler Rail. Die Gewerbler wurden ermahnt, dass zu grosse Neugier lebensgefährlich sein könne.
05. Oktober 2017, 05:18
Manuel Nagel

Manuel Nagel

manuel.nagel@thurgauerzeitung.ch

«Fasst nirgends hinein», sagte François Reymond warnend zu den Besuchern, die auf den Bänken vor der Leinwand Platz genommen hatten. «Einige Drähte stehen unter Hochspannung. Bei uns gibt es keine zweite Chance.»

Doch bevor die rund 80 Mitglieder des Gewerbevereins Amriswil überhaupt die Möglichkeit hatten, ihre Finger und Köpfe in irgendwelche Züge hineinzustrecken, erzählte Reymond, wie aus dem ehemaligen Tanklager der Terlag das heutige Inbetriebsetzungszentrum der Stadler Rail wurde, dessen Leiter er ist.

Kurz nach der Fertigstellung des Tanklagers im Jahre 1965 habe sich das Oberkriegskommissariat gemeldet und den Bau eines Hauses verlangt. Dort musste Sprengstoff eingelagert werden, «damit das Areal im Falle einer Invasion nicht den bösen Russen in die Hände fallen konnte», meinte François Reymond. Natürlich war das alles streng geheim und durfte nirgends publiziert werden. Nur wäre wohl bei einer Sprengung auch halb Erlen in die Luft geflogen.

Die Fabrikhalle ist ständig zu kurz

Vor acht Jahren übernahm die Stadler Rail das Areal, auf dem 1997 die grossen Tanks zurückgebaut wurden. Nun steht dort nebst einem Bürogebäude auch eine 7000 Quadratmeter grosse Halle, welche alle zwei Jahre erweitert worden sei und «die eigentlich bei jedem Ausbau bereits wieder zu klein gewesen ist», wie IBS-Zentrumsleiter Reymond verriet. Die Zugkompositionen würden immer länger. Die neusten Züge für England sind 234 Meter lang und die aktuelle Halle somit vier Meter zu kurz.

Auf dem anschliessenden Rundgang durch das Werk mussten Reymond sechs Kollegen aushelfen, welche die Besucherschar auf sieben Gruppen aufteilten und in verschiedene Züge führten. Selbst in den neuen Hochgeschwindigkeitszug Giruno, den künftigen Gotthardszug, konnten die Gewerbler hineinsehen.

Als es plötzlich laut zu piepen begann, fragte jemand aus der gut gelaunten Runde: «Thomas, wo häsch ieglanget?», und ein anderer rief hinterher: «De Krattiger isch’s gsi!». Dessen Lockenpracht hat jedoch definitiv nicht den Ursprung in einem Stromschlag.

Klar ist aber, dass neue Züge eine grosse Faszination ausüben. François Reymond verriet, dass bei den Testfahrten im Mai mehrere Autobusse voll von Journalisten mit grossen Objektiven nach Erlen gekarrt worden seien. Woher die von den Testfahrten wussten, weiss allerdings auch Reymond nicht. Er ist übrigens einer von nur drei Angestellten, die fix in Erlen arbeiten. «Alle anderen über hundert Mitarbeiter kommen sporadisch aus Bussnang und aus Altenrhein zu uns.»

Nach der Besichtigung gab es beim reichhaltigen Apéro jedenfalls genügend Gesprächsstoff. Christoph Roth, Präsident des Gewerbevereins, war zufrieden mit dem grossen Interesse der Mitglieder: «Züge sind für viele mit Emotionen verbunden» – was wohl die meisten bestätigt hätten.


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