Tagebuch einer Schweiznahme

In der Kunsthalle Arbon zeigt Sven Bösiger noch bis in den Juli hinein seine Landschafts-Erkundungen unter dem Titel «Wo». Künstlerisch-poetische Entwürfe, wie man die Schweiz auch noch sehen und hören kann.
18. Juni 2014, 02:35
BRIGITTE SCHMID-GUGLER

ARBON. Wer eine Reise tut, nimmt gern erst mal eine Karte zur Hand. Faltet sie auseinander, legt sie aus, markiert vielleicht Orte, zieht Striche, misst Strecken und Höhenmeter. Von solch einem Vorgehen liess sich Sven Bösiger inspirieren. Er nahm sich für seine Reise die Schweiz vor und behalf sich einer der präzis ausgearbeiteten Karten des Bundesamtes für Landestopographie. Massstab 1:25 000. Ein Jahr liess er sich für seine Reise Zeit.

Den Ertrag seiner Erkundungen hat der Künstler als Arbeit in vier Disziplinen in der Kunsthalle ausgestellt. Wie weisse Inseln, um die herum sich der schwarze Teer des Hallenbodens wie ein noch zu benennendes dunkles Meer ausbreitet, liegen jeweils drei vergrösserte Ausschnitte der Karte im Zufallsprinzip geordnet nebeneinander. Auf den ersten Blick spielt der Wiedererkennungseffekt: Orte, die man selber kennt, Berge, auf die man selber schon geklettert ist, Flüsse, an deren Ufer man selber schon geschlendert ist. Doch dann schiebt sich der Genfersee ans Mendrisiotto; und Gailingen grenzt an Tschlin. Und immer weiter so in dieser spielerischen Weise, die Schweiz zu sortieren wie ein Memory, dessen zusammengefügte Teile das Land in einer ganz neuen Ordnung präsentieren, die Sprachregionen neu mischen, die Topographie neu stapeln.

Wie klingt die Schweiz?

Bei jeder «Insel» steht ein kleines Klappstühlchen, auf dem ein Kopfhörer liegt. Diese Hörpölsterchen kann man sich über die Ohren stülpen und ein Weilchen lauschend verweilen. Es ist die Choreographie einer zu Klang gewordenen gefalteten Landkarte: Urbane Geräusche reiben sich an der Falte zwischen Biel und Bürglen; ein ratterndes Sägewerk rattert als Trommelwirbel über die Autobahn bei Genf; das Mendrisiotto spielt bei Baulärm die erste Geige.

Sven Bösiger hat die jeweils 20minütigen Aufnahmen übereinander geschichtet und verdichtet. Es entsteht der zauberhafte Augenblick der Kunst, wenn Bild und Klang sich der rationalen Betrachtung entziehen, und wir uns im Konjunktiv ausmalen, wie es wäre, wenn das «Wo» woanders wäre. Er selber notierte als dritte Disziplin zu allen Stationen eine Art Robert Walser'schen Spaziergang dazu.

Hohe Ästhetik

Der vierte Installationsteil bildet eine Serie von schwarzweissen Fotoaufnahmen. Diese Arbeiten zeichnen sich durch eine hohe Ästhetik aus. Extreme Helldunkelkontraste tauchen die ebenfalls an den jeweiligen Aufnahmeorten entstandenen Bilder in eine abstrakte Landschaft, die sich wie die Tonaufnahmen und Kartenpuzzles jeglicher sachlicher Zuordnung entziehen. Die Aneinanderreihung der Motive folgt einem zeichnerischen Gestus, grautonige Schraffuren sparen alles Unnötige aus, streng und grafisch modulierte Schnitte schaffen auch hier den Überraschungsmoment einer neuen Ordnung des Sehens.


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