Leuchtspur

18. März 2013, 01:37

Von der fehlenden Thurgauer Identität

Die schweizweite Wahrnehmung des kulturellen Thurgaus scheint auf die Arena in Kreuzlingen beschränkt zu sein, besonders jetzt, nachdem das Finale von «The Voice of Switzerland» über die Bodenseebühne gegangen ist.

Der Thurgau hat beileibe nicht nur Casting-Shows zu bieten. Aber wenn meist «Mostindien» als Klischee herhalten muss, erstaunt das eher grobschlächtige Image nicht weiter. Ostschweizer Journalisten, die öffentlich – wenn auch nur im Scherz – dem Thurgau die Daseinsberechtigung als relevanten Kulturraum absprechen, bestärken dieses Vorurteil.

Wenn ich sehe, dass wir grossartige Fotografen wie Friedrich Kappeler und Dieter Berke haben und hatten, aber die Ausstellung zu Ehren von Hans Baumgartner in einem Zimmer des Kantonsarchivs präsentiert wurde… Wenn der Sulgener Benteli-Verlag zwar seit Jahren die «World-» und «Swiss-Press-Photo»-Bücher veröffentlicht und Preise einheimst, aber um Fördergelder für ein Thurgaubuch betteln muss… Wenn stattdessen für Kultur vorgesehene Mittel in Bratwurst-Anlässe zu Ehren des damals höchsten Schweizers fliessen… Wenn dafür in den Medien gross hervorgehoben wird, dass der Stratosphären-Springer einen Wohnsitz in Arbon hat… Und wenn das Kunstmuseum des Kantons ausserhalb Mostindiens vorwiegend mit der Klosterbrauerei in Verbindung gebracht wird…

…dann frage ich mich durchaus, ob hier ein Kommunikations- oder ein Identitätsproblem vorliegt. Beides gilt es zu überwinden. Hier nehme ich im Besonderen die Journalisten in die Pflicht, die es eigentlich besser wissen sollten. Und sich vielleicht auch fragen sollten, ob sie Kunst und Kultur – ob regional, national oder global – angemessen porträtieren, wenn sie sich Klischees bedienen, nur um der Erwartungshaltung der Leserschaft gerecht zu werden. Damit erweisen sie den aktiven Kulturschaffenden (ungewollt?) einen Bärendienst.

Sascha Erni


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