Studenten beraten Schüler

ST.GALLEN ⋅ Die Organisation Rock Your Life hilft Oberstufenschülern dabei, den Übergang in den Beruf zu meistern. In St. Gallen hat sie zum ersten Mal mit einer Integrationsklasse zusammengearbeitet.
13. Oktober 2017, 06:21
Hannah Göldi

Hannah Göldi

hannah.goeldi@tagblatt.ch

Gleiche Chancen für alle: Das ist die Vision von Rock Your Life. Die gemeinnützige Organisation hat seit 2015 einen Standort an der St. Galler Universität (HSG), schweizweit sind es sieben. Ihr Leben «rocken» sollen Jugendliche ab dem achten Schuljahr. Innerhalb der folgenden zwei Jahren sollen sie eine Entscheidung für ihre Zukunft treffen und erfolgreich ins Berufsleben einsteigen. Rock Your Life will den Schülerinnen und Schülern helfen, sich auf das Leben nach der Schulzeit vorzubereiten. Die Jugendlichen werden von Mentoren gecoacht. Meistens sind dies Studentinnen und Studenten, manchmal auch junge Berufstätige, die sie in Sachen Bewerbungen und Berufs- oder Schulwahl coachen. Ausserdem sollen sich die Jugendlichen – die sogenannten Mentees – selbst besser kennen lernen und sich bewusst werden, was ihre Stärken und ihre Schwächen sind.

Einblick in die Lebenswelt der Mentoren

«Manchen Schülern fehlt die Hilfe der Eltern, oder sie benötigen neben den Angeboten der Schule und Berufsberatung weitere Unterstützung» sagt Karin Hufnagl, Co-Standortverantwortliche von Rock Your Life in St. Gallen. Ausserdem könnten sie durch den Einblick in die Lebenswelt der Mentoren ihren Horizont weiten, so eröffneten sich neue Möglichkeiten.

«Ich verstehe es auch als eine Chance, meinem Mentee das weiterzugeben, was ich von meinen Eltern bekommen habe, und Erfahrung im Mentoring zu sammeln», sagt Nicolas Dietiker, ein Masterstudent an der HSG. «Mit wenig Aufwand kann man sehr viel bewirken. Rock Your Life ist kein Full-Time-Job.» Dietikers Eltern sind beide Lehrer, die Unterstützung von zu Hause fehlte ihm damals nicht. Er will, dass andere Schüler von den gleichen Vorteilen profitieren können, die er von zu Hause bekommen hat. Seit einem Jahr hat Dietiker den Schüler Ramon Schneider als Mentee. Sie treffen sich zirka alle drei Wochen, meistens weil Schneider Hilfe bei Bewerbungen oder Ähnlichem braucht. Nachdem die Arbeit getan ist, sitzen Dietiker und Schneider meistens noch eine Weile zusammen, trinken einen Kaffee und reden. Beide verstehen ihr Verhältnis auch als Freundschaft. «Nico ist wie ein grosser Bruder für mich», sagt Schneider. Ausserdem sei Dietiker für ihn eine zusätzliche Bezugsperson, da sein Vater nicht zu Hause wohnt.

Ramon Schneider hat inzwischen eine Berufswahl getroffen. Er möchte Ofenbauer oder Bauarbeiter werden. Ihm hätten auch die Veranstaltungen gefallen, an denen er sich mit verschiedenen Mentoren und Mentees austauschen konnte. Da die meisten Studenten Nebenjobs haben oder selber auf Jobsuche sind, hätten sie Verständnis für die Situation der Schüler, sagt Dietiker. «Eigentlich sitzen wir im gleichen Boot.» Ausserdem hätten Mentees die Möglichkeit, bei den Partnerunternehmen von Rock Your Life einen Einblick in verschiedenste Berufe zu erhalten.

Drei Jugendliche aus Integrationsklasse

Was in St. Gallen besonders ist, ist die erstmalige Kooperation mit Integrationsklassen. Eltern von Schülern mit Migrationshintergrund fällt es in manchen Fällen schwer, ihre Kinder bei der Berufswahl ausreichend zu unterstützen, da sie sich zu wenig mit dem Schweizer Bildungssystem auskennen oder die Sprache nicht gut genug beherrschen. Laut Karl Oss, dem Lehrgangsleiter des Integrationskurses am Gewerblichen Berufs- und Weiterbildungszentrum St. Gallen, ergänzt Rock Your Life den Integrationskurs ideal durch niederschwelliges Mentoring abseits des schu­lischen Programms. Durch die koordinierte Zusammenarbeit würden die Chancen der Lernenden auf einen guten Einstieg in die Berufsausbildung erhöht. Zurzeit sind drei Mentees aus der Integrationsklasse bei der Organisation. Für den neuen Jahrgang, der im November startet, liegen zwei Dutzend Anmeldungen vor.

Rock Your Life wurde vor neun Jahren von drei deutschen Studenten in Friedrichshafen gegründet. Seit 2013 gibt es die Organisation in der Schweiz, weil eine Sekundarlehrerin fand, die Unterstützung im Prozess der beruflichen Orientierung sei auch hierzulande nicht immer ausreichend. Doch Rock Your Life will kein Ersatz für Berufsinformationszentren oder die Arbeit von Oberstufenlehrern sein, sondern eine zusätzliche Hilfe.

Schüler, Studenten und Eltern sollen profitieren

Nicolas Dietiker nennt das Programm der Organisation eine «Win-win-win-Situation». Die Lehrbetriebe fänden Zugang zu jungen engagierten Schülern, den Eltern und Lehrern werde Aufwand abgenommen, und die Studenten könnten Erfahrungen im Mentoring sammeln und sich selbst besser kennen lernen. All das komme dann den Oberstufenschülern zugute.

Bis zum 20. Oktober können sich Interessierte als Mentor oder Mentee bei Rock Your Life anmelden: www.schweiz.rockyourlife.org


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