Strandgut der ersten Globalisierung

ST.GALLER VÖLKERKUNDEMUSEUM ⋅ Ohne die Ostschweizerische Geografische Gesellschaft gäbe es in St. Gallen kein Völkerkundemuseum. Vor 100 Jahren schenkte die Gesellschaft der Ortsbürgergemeinde ihre ethnografische Sammlung.
12. September 2017, 05:18
Peter Müller

Peter Müller

ostschweiz@tagblatt.ch

Der Stickereiboom bescherte St.Gallen 1865–1914 eine erste Globalisierung. Die Stadt war weltweit vernetzt. Viel «weite Welt» gelangte in dieser Zeit nach St.Gallen, Menschen, Tiere und Pflanzen, Dinge, Informationen und Bilder. Vieles davon ist längst vergessen oder wieder verschwunden. Zum Bleibenden ­gehört der Kern des heutigen ­Völkerkundemuseums. Die Ostschweizerische Geografische Gesellschaft – respektive Geographisch-Commercielle Gesellschaft (OGCG), wie sie damals hiess – nutzte die wirtschaftliche Bedeutung und die weltweiten Verbindungen St.Gallens und sammelte ethnografische Gegenstände aus aller Welt: Masken, Götterfiguren, Waffen, Textilien, Keramik und vieles mehr. Nach dem Zusammenbruch des Stickereibooms blieben die Objekte in St.Gallen – gleichsam Strandgut dieser ersten Globalisierung der Stadt.

Eigenes Museum mit Platz- und Geldproblemen

Warum schenkte die Geografische Gesellschaft ihre Sammlung 1917 – also just vor 100 Jahren –der Ortsbürgergemeinde St.Gallen? 1880 hatte die OGCG im Westflügel der Kantonsschule ein kleines Völkerkundemuseum eröffnet, 1899 war sie in den obersten Stock des Stadthauses umgezogen, den Sitz der St.Galler Ortsbürgergemeinde. Bald zeigte sich: Das Führen eines solchen Museums war nicht einfach. Die OGCG stiess zunehmend an Grenzen. Der Platz war knapp, die Räumlichkeiten für Museumsobjekte ungeeignet; es fehlte an Finanzen und Fachwissen. 1911 heisst es im Jahresbericht: «So finden sich denn in dem einen Zimmer Grönland, Oregon und Japan zusammen. Gewiss ein in mehrfacher Hinsicht zwingender Beweis für die Unhaltbarkeit unserer Museumsverhältnisse!» Als die Ortsbürgergemeinde beschloss, am Ostrand des Stadtparks ein grosses Museum zu bauen, reichte die OGCG deshalb gerne Hand und wurde damit zur Mitbegründerin des heutigen Historischen und Völkerkundemuseums St.Gallen, zusammen mit dem Historischen Verein des Kantons St.Gallen. Dieser schenkte den Ortsbürgern im selben Jahr seine historische Sammlung.

Das Tätigkeitsfeld der Ostschweizerischen Geographisch-Commerciellen Gesellschaft war im Stickereiboom aber viel breiter. Schon der Name deutet das an. Bei der Gründung 1878 wurde der Begriff «commerciell» ganz bewusst in den Namen gesetzt. Die 28 Gründungsmitglieder – vor allem Industrielle und Kaufleute aus den Kantonen St.Gallen, Appenzell und Thurgau – wollten auch Wirtschaftsprojekte in fernen Ländern fördern und für sich selber neue Absatzmärkte erschliessen. Es war die Zeit des europäischen Imperialismus und Kolonialismus. Da lockten rund um die Welt Möglichkeiten. Die Ostschweizerisch Geographisch-Commercielle Gesellschaft wollte nicht abseits stehen und engagierte sich in den ersten Jahren in Südafrika, Aus­tralien und auf Madagaskar. Erfolgreich war sie damit nicht. Früher oder später verliefen alle diese Projekte im Sand.

Ähnliches gilt für das Netz «korrespondierender Mitglieder», das die OGCG rund um die Welt aufbauen wollte. Diese Mitglieder sollten die OGCG mit ­Informationen und Neuigkeiten aus fernen Ländern versorgen. Dieses Netz kam nie wirklich zustande.

Wissensverbreitung mit Vorträgen und Publikationen

Grosse Verdienste erwarb sich die OGCG mit ihrem Engagement für die Verbreitung geografischen und ethnografischen Wissens. Sie lobbyierte für das Schulfach Geografie und betätigte sich als Kulturvermittlerin. Zum kleinen Völkerkundemuseum kamen eine Bibliothek, ­Publikationen und ein breites Vortragsprogramm zu ethnografischen, geografischen und han­delsgeografischen Themen.

Die OGCG holte dafür auch prominente Referenten nach St.Gallen, 1912 zum Beispiel den Polarforscher Roald Amundsen – damals ein Superstar. Manche dieser Vorträge wurden später in den «Mitteilungen der OGCG» abgedruckt. Die «Mitteilungen» erschienen bis zu dreimal im Jahr und sind heute spannende Zeitdokumente. Sie vermitteln einen Eindruck von der enormen Fülle an «Weltwissen», das um 1900 auch in St.Gallen zugänglich war.

Eine Fundgrube ist aber auch das Archiv der OGCG aus jenen Jahren. Da finden sich Briefe und Karten aus der ganzen Welt – zu allen möglichen Themen, von berühmten Zeitgenossen und unbekannten Leuten.


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