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Tagblatt Online
14. Februar 2014, 02:34 Uhr

«Ich wurde in die falsche Familie hineingeboren»

Lotty Wohlwends Buch «Silas» erzählt die wahre Geschichte eines Zigeunerjungen. Hin und her geschoben zwischen Elternhaus und Heimen erlebte er viel Gewalt und Diskriminierung. Am Mittwoch war Rudolf Moser alias Silas zu Gast in der Buchhandlung ad hoc. Dort fand die erste öffentliche Lesung des Buchs statt.

URSULA AMMANN

WIL. Ein Naherholungsgebiet an der St. Galler Stadtgrenze: Rudolf Moser ist mit seinen zwei Hunden unterwegs. Plötzlich fällt ein Schuss. Von da an ist seine Hündin Juschka verschwunden. Rudolf Moser startet eine wochenlange Suchaktion. Er fragt bei Jägern und Behörden nach. Doch diese wollen nichts bemerkt haben, verstricken sich sogar in Ungereimtheiten. Rudolf Moser wendet sich an Lotty Wohlwend, damals Journalistin bei verschiedenen Tageszeitungen. Sie arbeitet das Ereignis in einem Artikel auf und Jahre später auch in ihrem Buch «Silas», der Lebensgeschichte von Rudolf Moser. Das Verschwinden des Hundes wird zum Sinnbild für die Demütigungen, die Rudolf Moser aufgrund seiner Herkunft immer wieder erlebte. «Der Schuss galt nicht dem Hund, sondern mir», sagt er.

Zwischen Elternhaus und Heim

Rudolf Moser alias Silas kam 1963 als achtes von 13 Kindern zur Welt. Er entstammt einer grossen Zigeunerfamilie, die gefürchtet war und deren Verbrechen auch schon in der Sendung Aktenzeichen XY thematisiert wurden.

Er und seine Geschwister wurden mehrheitlich sich selbst überlassen. Die Mutter züchtigte ihre Kinder regelmässig mit einem Handbesen oder Gürtel. Rudolf Moser erlebte seine Kindheit – teils zusammen mit seiner Schwester – in verschiedenen Heimen. Dort wurde er nicht nur Opfer von Schlägen und sexuellen Übergriffen, sondern bekam auch immer wieder zu spüren, aus welcher Familie er stammte. «Man nannte uns nicht beim Vornamen. Sie riefen uns einfach <Moser>», erinnert sich der heute 50-Jährige. Ab und zu holten die Eltern ihre Kinder wieder aus dem Heim, indem sie den Angestellten drohten. Das Elternhaus bot Rudolf Moser keinen Halt. «Mutter und Vater führten ein ständiges Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei», sagt er. So sei es manchmal vorgekommen, dass der Vater auf der Flucht die Kinder aus dem Fenster geworfen habe. Einmal sogar am Weihnachtsabend. «Wir mussten schauen, wo wir hinkommen.»

Administrativ versorgt

Immer wieder kam Rudolf Moser ins Heim. Eines davon hat er als «absoluten Terror» erlebt. Unter den Zöglingen herrschte das Faustrecht. Doch seitens der Leiter war keine Rückendeckung zu erwarten. Im Gegenteil: Man gab Rudolf Moser immer wieder das Gefühl, minderwertig zu sein. «Hitler hat seine Arbeit nicht fertiggemacht», sagte ihm einst ein Erzieher. Kurz nach seinem 17. Geburtstag wurde Rudolf Moser wieder «verschoben» – diesmal in ein Jugendgefängnis. Im Gegensatz zu seinen Mitinsassen hatte er keine Straftat begangen. Administrative Versorgung nannte sich der Grund, weshalb er dort war. An jenen Aufenthaltsort hat er aber auch gute Erinnerungen. So konnte er eine Lehre als Schreiner machen. «Ich hatte einen sehr guten Chef», betont er. «Dieser war wie ein Vater für mich.»

In der falschen Familie

Als Zweitbester im Kanton Bern schloss Rudolf Moser seine Lehre ab. Zurück in seiner alten Heimat, hatte er dennoch Mühe, einen Job zu finden. Dann endlich erhielt er eine Arbeitsstelle, die er sehr mochte. Er verlor sie aber, nachdem eines seiner Familienmitglieder einen Mord begangen hatte. Der Ruf seiner Familie klebt zeitlebens an Rudolf Moser. Dies merkte er insbesondere auch im Umgang mit den Behörden. «Es passte den Beamten nicht ins Schema, dass ich nicht kriminell bin», sagt er.

Er habe das Pech gehabt «in die falsche Familie hineingeboren worden zu sein», sagt Rudolf Moser. Das liege aber nicht daran, dass diese zu den Fahrenden gehörte. Er sei stolz auf die Zigeunerkultur. Dennoch bezeichnet er sich als «entwurzelt». Mittlerweile hat Rudolf Moser wieder Halt im Leben gefunden. Dies hauptsächlich durch seine Tochter, seinen Lebenspartner und einen guten Freund.

«Silas», Rudolf Mosers Lebensgeschichte, erschien bereits 2006. Da seitens seiner Familie Drohungen ausgesprochen wurden, verzichteten Lotty Wohlwend und Rudolf Moser bisher auf eine öffentliche Lesung. Nun sind die beiden mit «Silas» an Oberstufen und Berufsschulen unterwegs. Dort wollen sie mit dem Buch in Kontakt zu den Jugendlichen und deren Ängsten und Sorgen treten. Was Rudolf Moser in seiner Jugend erlebt hat, liegt zwar ein paar Jahre zurück: Gewaltübergriffe und desolate Familienzustände seien aber auch heute noch ein Thema, sagt Lotty Wohlwend.



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