Tagblatt Online, 28. Juli 2012 01:36:00
Eine Feier für alle und die Nation
Ruedi Schär ist zum 22. Mal für die Durchführung der Wiler 1.-August-Feier verantwortlich. (Bild: sme.)
WIL. Die Wiler Bundesfeier wandelte sich vor mehr als 20 Jahren von einem patriotischen Anlass mit Zuschauerschwund zu einer beliebten Volksfeier. Das ist Ruedi Schärs Verdienst. Am 1. August ist er zum 22. und letzten Mal OK-Präsident.
SILVAN MEILE
Niemand sorgt sich mit so grossem Engagement, Herzblut und Freude um die Stadt Wil wie Ruedi Schär es tut. Nebst einer Liste an schier unzähligen Ämtern organisiert der mittlerweile 60-Jährige seit 1991 am 1. August die Bundesfeier in der Stadt Wil. Und das mit einem beachtlichen Erfolg. Denn zum Zeitpunkt, als er die Geschicke der Feier übernahm, stand diese noch unter einem denkbar schlechten Stern.
Protest-Pfiffe an der Bundesfeier
Bis Ende der 80er-Jahre war die Bundesfeier in Wil eher eine ernste und patriotische Sache im Zeichen der eidgenössischen Historie. «Es traten einmal Minnesänger auf, einmal wurde der Rütlischwur auf einem Stück Wiese und einem Freiheitsbaum auf dem Hofplatz nachgespielt», weiss Ruedi Schär noch. «Als Bewohner des Hofs fühlte ich mich verbunden und habe Organisator Ernst Wild immer geholfen», erzählt er, «auch in technischen Belangen.» Einmal verdeutlichten Bild-Projektionen an die Hoffassade die gesprochenen, patriotischen Worte. Doch den aufwendigen Darbietungen wohnten immer kleinere Teile der Bevölkerung bei. Als 1989 ein Umzug mit Kanone und Fuhrwerk gemacht wurde, hätte dies zu Pfiffen als Ausdruck des Protestes geführt, erzählt Schär. Dies nahm man zum Anlass, die Wiler Bundesfeier neu zu überdenken, wodurch 1990 in der Äbtestadt keine 1.-August-Feier stattfand. Ein neues Konzept wurde nötig, ein solches arbeitete Ruedi Schär aus – mit beachtlichem Erfolg.
Feier ohne Rang und Ordnung
Eine fröhliche und familienfreundliche Feier zum Geburtstag der Nation für Jung und Alt sollte es werden, an der die Besucher gemeinsam am Festbank essen und trinken. Eine kurze Begrüssung der Leute statt eine ausschweifende politische Rede, aber mit einem Höhenfeuer und Feuerwerk, schrieb sich Schär auf die Fahne. Er verlagerte die Feier vom Hofplatz auf den Hofberg, nach Neugruben oberhalb des Städelis und wurde vom Publikumsaufmarsch überrascht: «Rund 1200 Leute sind gekommen und feierten den 1. August», weiss er noch genau. Und im damals noch dichteren Wiler Blätterwald raschelte es gewaltig: «Endlich Wende zum Publikumsanlass», schrieb die Wiler Zeitung und erkannte, dass sich die Feier in «eine zukunftsorientierte Richtung» bewegt. «Dem Zusammensein werden neue Formen möglich gemacht», schrieb das Neue Wiler Tagblatt, während die Wiler Nachrichten «eine kleine Sensation» erkannten und an der Feier 2000 Leute zählten. Ruedi Schär freute sich vor allem daran, dass die Leute ohne Berücksichtigung von Rang und Ordnung gemeinsam, friedlich und ungezwungen den Geburtstag der Schweiz mit der traumhaften Aussicht, einem Höhenfeuer und Feuerwerk auf dem Hofberg feierten.
Wetterbericht vom Fachmann
Doch die enormen Bautätigkeiten am Hofberg machten auch vor der Bundesfeier nicht halt. Visiere kündigten jeweils die Suche nach einem neuen Festplatz an. Mehrere Jahre feierte man schliesslich auf der Sömmeri hinter der Bronschhofer Gemeindegrenze. Im Jahr 2006 überquerte man – nur wenige Stunden vor Festbeginn – gar die Kantonsgrenze und feierte in Wilen, da im entsprechenden Jahr der Kanton St. Gallen aufgrund von anhaltender Trockenheit das Zünden von Feuerwerk verbot. Seit Jahren beteiligt sich die Gemeinde Wilen an der Wiler Bundesfeier, auch finanziell. Rund einen Franken pro Einwohner kostet es die Politischen Gemeinden Wil und Wilen.
Im Jahr 2007 kam die Bundesfeier zurück ins Zentrum. Parkierte Autos – obwohl Busse die Besucher an den Festplatz fuhren – sorgten für Probleme auf der Sömmeri. Mit dem Reitplatz auf den Weierwisen fand man einen neuen Durchführungsort. Zwar sei die Aussicht nicht mehr so toll, doch könnte man bei schlechtem Wetter mit relativ geringem Aufwand in die Reithalle ausweichen, findet Ruedi Schär. Eine fachmännische Wetterprognose für Wil erhält er am 1. August jeweils von seinem Bekannten Jürg Zogg von der DRS-Wetter-Redaktion. Zweimal fiel in den vergangenen 21 Jahren die Wiler Bundesfeier ins Wasser und musste wegen starken Regens komplett abgesagt werden.
Das Feuerwerk von Stucki
Ruedi Schär sagt, es sei schön, wie immer auch viele junge Leute die friedliche Wiler Bundesfeier besuchten und teilweise gar noch Lieder aus seiner Jugend singen würden. Das immer sehr spektakuläre Feuerwerk kommt jeweils von der Firma Stucki und wird zu grossen Teilen auch von dieser gesponsert. Immer dabei ist auch die Jungwacht, die mit einem eigenen Programm die Kinder betreut. Schär lobt auch die jährliche Unterstützung durch den städtischen Werkhof: «Eine Besprechung und dann klappt es.» Für die Bewirtung wechseln sich der Eisclub und der Reitclub jährlich ab. Auch immer dabei ist die Stadtmusik. Aufgrund von Ferienabwesenheiten und Mitgliederschwund tritt sie in diesem Jahr als «Musikantengruppe aus der Umgebung» auf. Nicht zuletzt die vor Ort gespielte Nationalhymne ist Ehrensache. «Die Stimmung ist dann einmalig» sagt Schär. Nie hätte jemand die Leute aufgefordert, sich zur Hymne zu erheben, trotzdem stehen alle jeweils auf. Auch in diesem Jahr werden rund 2000 Leute an der Wiler Bundesfeier erwartet, eine der grössten in der Ostschweiz. Trotz des enormen Publikumsaufmarschs sei es aber immer schwieriger, Vereine für einen Auftritt zu gewinnen, erwähnt Schär mit etwas Unverständnis.
Nach 22 organisierten Bundesfeiern übergibt er ab nächstem Jahr die Verantwortung an Walter Dönni und will neuen Ideen Platz machen. Ruedi Schär steht ihm im nächsten Jahr noch unterstützend zur Seite. Im übernächsten Jahr möchte er dann eine Bundesfeier ausserhalb Wils erleben. Ein Besuch am Rheinfall oder in Interlaken kann er sich vorstellen.
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