Tagblatt Online, 16. Mai 2012 01:05:00
Als in Wil der letzte Krieg tobte
Stadtarchivar Werner Warth richtete im Parterre des Rathauses eine Ausstellung zum 300sten Jahrestag der Belagerung Wils ein. (Bild: sme.)
Mit der Belagerung 1712 erlebte Wil die letzten kriegerischen Handlungen. Truppen belagerten die Stadt eine Woche lang und nahmen sie schliesslich ein. Stadtarchivar Werner Warth zeigt die Geschehnisse an einer Ausstellung im Rathaus.
SILVAN MEILE
Morgen jährt sich die Belagerung der Stadt Wil zum 300. Mal. Denn am 17. Mai 1712 marschierten einige tausend Berner und Zürcher von Sirnach her hinter das Gebiet ums Bergholz, das damals noch dicht bewaldet war. «Es sollte sich als Fehler erweisen, dass die Wiler diesen Wald zuvor nicht rodeten, denn in ihm fanden die feindlichen Truppen Deckung», weiss Stadtarchivar Werner Warth heute zu berichten. Zusammen mit rund 2000 Toggenburgern, die in Schwarzenbach die Brücke überschritten, planten die Protestanten aus Bern und Zürich mit Thurgauer Unterstützung einen Angriff auf die katholische Stadt Wil. Da an diesem Tag nichts ausgerichtet werden konnte, bezogen die Belagerer Quartier in Wilen, Rickenbach und Busswil. Das Hauptquartier war in der Hub bei Busswil. Sogleich wurden auch Stellungen für die Geschütze eingerichtet. Es folgten Tage der Belagerung unter dauerndem Kanonenbeschuss. Am 22. Mai mussten die Wiler nach Tagen mit Todesängsten und Ungewissheit schliesslich kapitulieren. Die Bevölkerung wurde entwaffnet. Es waren bis heute die letzten kriegerischen Auseinandersetzungen in und um die Äbtestadt.
Gut dokumentierter Krieg
Die Geschehnisse vor genau dreihundert Jahren zeigt Stadtarchivar Werner Warth mit Beschrieben und Zeichnungen – darunter auch Originaldokumente – eindrücklich auf. Es sei für ihn der erstmalige Versuch, für einmal eine Ausstellung im Parterre des Rathauses zu zeigen, erzählt der Stadtarchivar. Der interessierten Bevölkerung bietet sich dadurch die Möglichkeit, an dieser Ausstellung mehr über dieses für Wil prägende Ereignis zu erfahren. Warth freut sich über die verschiedenen Stiche, die er an der Ausstellung zeigen kann. Darunter ist auch eine Darstellung des Bombardements auf Wil, die Kupferstecher Johann Melchior Füssli aus Zürich offensichtlich vor Ort in Wil zeichnete. Auslöser für die Ausstellung sei aber ein Kupferstich des Deutschen Johann Elias Riedinger gewesen, der erst kürzlich aus einem Privatbesitz den Weg zum Stadtarchivar fand und an der Ausstellung betrachtet werden kann. «Selten sind kriegerische Handlungen von damals so gut dokumentiert», schwärmt der Stadtarchivar. Nebst den Zeichnungen, Plänen, Kapitulationsurkunde, Erläuterungen des Stadtarchivars und Darstellungen von Ölbildern gibt es auch Auszüge aus Tagebucheintragungen oder etwa einem Bericht der Belagerung aus dem Wiler Kapuzinerkloster.
Kanonenkugel im «Zentral»
Mit bis zu 150 Kilogramm schweren Kanonenkugeln ist Wil beschossen worden. Mehrere Gebäude gingen in Flammen auf. Nach einem Zeitungsbericht der Wiler Zeitung aus dem Jahr 1886 wurde beim Bau des Tonhalleschulhauses letztmals eine Kanonenkugel, mit der Wil bombardiert wurde, gefunden. Werner Warth verrät aber noch eine Legende: Im «Zentral», der heutigen «Red Lounge», soll in den Gemäuern zur Tonhallestrasse noch eine Kanonenkugel stecken.
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