Tagblatt Online, 08. Mai 2009 01:04:08
Was man nicht kennt, macht Angst
Am Podiumsgespräch nahmen teil (von links): Imam Bekim Alimi, Wil; Erich Wagner, Schulleiter Primarschule Oberuzwil; Thomas Stark, Schulratspräsident, Oberuzwil; Uli Patscheider, Schulleitung Oberstufe, Oberuzwil; Rolf Haag, Pfarreileiter, Oberuzwil; Alfred Enz, Pfarrer, Oberuzwil. (Bild: Bild: asb.)
Ökumenische Bildungsabende 2009 der beiden Oberuzwiler Kirchgemeinden: Vertreter aus Schule, Sozialamt und Kirche spürten den Schwierigkeiten zwischen Muslimen und Christen im täglichen Zusammenleben nach.
OBERUZWIL. 350 000 Menschen muslimischen Glaubens leben in unserem Land.
Woran glauben Muslime?
Seit zehn Jahren stellt sich der in Wil lebende Imam Bekim Alimi den Fragen der Bevölkerung. Sein Credo: «Miteinander statt übereinander reden.» Er zeigte auf, dass die Wörter Islam und Frieden die genau gleiche Wurzel haben. Selam heisst dasselbe wie das jüdische Shalom. Muslime glauben an Allah. Einem Moslem sei es verboten zu töten. Er glaube an Engel, die Heilige Schrift, an die Propheten, den Jüngsten Tag und an das Schicksal.
Pflichten im Islam
Muslime glauben an die Aussagen der Thora (Moses), die Psalmen (David), das Evangelium (Jesus) und den Koran (Mohammed). Es gebe keine Unterschiede zwischen den Büchern, sagte Bekim Alimi.
Ein gläubiger Muslim muss fünf Vorgaben einhalten, bevor er betet. Für die fünf täglichen Gebetszeiten ist der Sonnenstand massgebend. Körper und Haupthaar sollen bedeckt sein.
Eine Pilgerfahrt – einmal im Leben – nach Medina gehört ebenfalls zu den Pflichten eines Muslims.
Fastenzeit Ramadan
Muslime sollen ausserdem den Armen spenden. Im Fastenmonat Ramadan darf von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang weder gegessen noch getrunken werden, wohl aber nachts. Kinder, Reisende, Schwangere und Kranke sind von den Vorschriften ausgenommen.
Pfarreileiter Rolf Haag meinte, das Kennenlernen des Islams könne helfen, die eigenen Wurzeln wieder zu entdecken. Viele Menschen schrieben Fundamentalismus und Attentate dem «Islam als Ganzes» zu. Oscar Bergamin, Schweizer und muslimischer Journalist, lobte ausdrücklich den Kanton St. Gallen, welcher einen vorbildlichen interreligiösen Austausch pflege.
18 Prozent der Muslime leben im arabischen Raum, die Sprache des Korans bleibt arabisch. In Schweizer Moscheen wird auch deutsch gepredigt. Wichtig sei es, sich gegenseitig zuzuhören.
Jedem Menschen Würde lassen
Im Islam sollen Mann und Frau einander Freunde sein. Das Kopftuch sei ein Zeichen der Ehrfurcht. Der Koran empfiehlt, nur eine Frau zu haben. Schon aus rein praktischen Gründen sei es schwierig, mehr als eine Frau zu haben.
«Im 19. Jahrhundert erhielten die schweizerischen Juden endlich die uneingeschränkten Bürgerehren in der Schweiz. Im 21. Jahrhundert muss das auch für die Muslime gelingen», eröffnete Pfarrer Alfred Enz den zweiten Abend. Uli Patscheider, Oberstufe, Erich Wagner, Primarschulleiter, und Thomas Wagner, Schulpräsident, berichteten über ihre Erfahrungen. Sie kamen übereinstimmend zum Schluss, dass sich wegen der Religionszugehörigkeit kaum je Probleme ergäben. Bei Schwierigkeiten hätten Nachfragen bei Imam Bekim Alimi ziemlich schnell Klarheit gebracht. Rolf Haag rief dazu auf, sich für angefeindete Menschen mit Zivilcourage einzusetzen.
Respekt vor Rechtsstaat
In Oberuzwil gibt es seit mehreren Jahren Deutschkurse für fremdsprachige Frauen. So werden die Frauen selbständiger. Die Kinderbetreuung ist gewährleistet. Finanziell unterstützt der Bund diese Arbeit.
Natali Velert, Integrationsbeauftragte der Stadt Wil, erwartet von allen hier lebenden Menschen Respekt vor dem Rechtsstaat. Laut Bundesgericht hat jedes Kind Recht auf Bildung, und auch das Schwimmen gehört dazu. Velert erinnerte daran, dass fremde Menschen auf freundliche Aufnahme durch die einheimische Bevölkerung angewiesen seien.
Oscar Bergamin sprach die Frage der Identität an. Die Religion könne eine gute Hilfe sein, sich in fremdem Land wiederzufinden. Im September startet der neu geschaffene Lehrgang «Religiöse Begleitung im interkulturellen Kontext» an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Winterthur.
Parallelgesellschaften
In der Schweiz sei die Gefahr von Parallelgesellschaften klein. Wichtig seien offene Arme der hiesigen Gesellschaft. Sechs junge Mädchen sangen zum Schluss «Gott, wir rufen Dich mit unserer Seele, unseren Händen, unseren Herzen an.» Pfarrer Enz rief abschliessend zum gegenseitigen Respekt auf. (asb)
- Artikel empfehlen:








Zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden.
Kommentar schreiben