Zur Mobile-Ansicht wechseln
Tagblatt Online
14. Januar 2016, 16:48 Uhr

Die verzweifelte Suche nach Lukas

DEGERSHEIM. Wo ist Lukas? Die Frage stellt sich seine Familie und auch die Polizei. Der 16jährige Degersheimer ist am Samstag nicht vom Ausgang zurückgekehrt. 276mal ist die Suchmeldung der Mutter bis gestern abend auf Facebook geteilt worden. Bisher ohne Erfolg.

ANDREA HÄUSLER

«Ich treffe mich noch mit zwei Girls, tschüss.» Es ist Samstagabend, der 9. Januar. Die Türe fällt ins Schloss, Lukas ist weg. Nicht bloss für einige Stunden, sondern bis heute. Für seine Familie ist der kollektive Albtraum aller Eltern Realität geworden: Ihr Kind ist scheinbar spurlos verschwunden.

Null-Bock-Mentalität

Lukas ist am 1. Januar 16 Jahre alt geworden, steckt in einer schwierigen Lebensphase: Skurrile Kollegen, Drogen, Sidecut-Frisur, Identitätskrise, wie seine Mutter Elisabeth zusammenfasst. Anfang Dezember hat er seine Lehrstelle verloren. Erstaunt habe sie das nicht, aber enttäuscht: «Keine Motivation, null Bock – eine Mentalität, die ihren Tribut forderte.» Ohne Ausbildungsplatz und unmittelbare Perspektive habe sie Lukas zu familiären Aufgaben verpflichtet: Kochen, putzen, die kleine Schwester betreuen. «Den Job hat er super gemacht: selbständig und zuverlässig.» Jetzt, im Januar, sei ein Besuch bei der Berufsberatung geplant gewesen.

Unbeschreibliche Sorgen

Weshalb Lukas nicht nach Hause zurückgekehrt ist, kann sich seine Mutter nicht erklären. «Wir hatten ein gutes, sehr offenes Verhältnis», betont sie. Dann wird sie nachdenklich, zweifelnd: «Vielleicht habe ich ihm doch zu viel Raum gegeben, die Leitplanken zu weit gesetzt. Aber ich wollte ihm einfach nicht alles verbieten.»

Es ist das erste Mal, dass Lukas fortbleibt, keinen Kontakt aufnimmt, die Familie im Ungewissen lässt. «Er checkt wohl einfach nicht, was er mir antut, seinem Vater, seinen Grosseltern und besonders seiner Schwester, die ihm so wichtig ist. Wir machen uns unendlich Sorgen.»

Aufruf auf Facebook

Entsprechend lässt die verzweifelte Familie nichts unversucht, um den Teenager zu finden oder ihn zumindest irgendwie zu erreichen. «Wer weiss, wo mein Sohn Lukas ist?» hat seine Mutter auf Facebook gepostet. Ihr Aufruf ist inzwischen 276mal geteilt worden. Gleichzeitig sucht die Polizei nach dem jungen Mann. Bisher vergeblich. Für diese ist Lukas kein Einzelfall. «Jeden Monat sind wir mit Fällen konfrontiert, in denen Jugendliche nicht nach Hause zurückkehren und die Eltern damit in Angst versetzen», sagt der stellvertretende Leiter Kommunikation der Kantonspolizei St. Gallen, Gian Andrea Rezzoli. In den meisten Fällen handle es sich um Jugendliche, die freiwillig wegblieben, vorübergehend untertauchten und daher nicht als vermisst, sondern als entlaufen gälten.

Gerade deshalb rät die Polizei von privaten Suchaktionen über die sozialen Netzwerke ab. «Was einst den Weg ins Internet gefunden hat, bleibt dort. Auch dann noch, wenn eine entlaufene Person längst aufgegriffen worden oder von sich aus zurückgekehrt ist», begründet Rezzoli. Der richtige Weg sei der zur Polizei: «Wir wissen, was zu tun ist.»

Hohe Erfolgsquote

Es treffe nicht zu, dass die Polizei erst aktiv werde, wenn ein Jugendlicher eine gewisse Zeit überfällig ist. Die entsprechenden Abklärungen würden unverzüglich, entschlossen und im notwendigen Ausmass getätigt, betont Gian Andrea Rezzoli. «Das notwendige Ausmass» orientiere sich am konkreten Fall, aber auch am Alter der Minderjährigen. Bei Kindern sei die Situation anders als bei Jugendlichen. «Besteht allerdings nur der geringste Verdacht, dass sich jemand in einer Notlage befinden könnte, wird alles unternommen, um diese Person zu finden.»

Die Erfolgsquote der Polizei bei Vermissten-Fällen ist ausgesprochen hoch. Laut Statistik lösen sich die meisten Fälle innert Stunden auf. Es sind einzelne, die über Tage, Monate oder gar Jahre aktuell bleiben. Die ungelösten Fälle liegen, laut Polizeistatistik, unter einem Prozent.

Im Fall von Lukas konnte die Polizei – zumindest bis gestern – keine Ergebnisse vorweisen. Obwohl sie im sozialen Umfeld des 16-Jährigen nach Hinweisen auf dessen Verbleib gesucht habe, wie seine Mutter weiss. Diese vermutet ihren Sohn im Raum Herisau.

Weg vom jetzigen Umfeld

Hat sie sich Gedanken darüber gemacht, wie sie auf seine Rückkehr reagieren würde? Zunächst wäre es einfach nur eine gewaltige Entlastung zu wissen, dass ihm nichts passiert ist. Hernach, sagt sie, würde sie alle Hebel in Bewegung setzen, um Lukas – auch mit professioneller Hilfe – zu unterstützen, eine Wende in sein Leben zu bringen. «Der Weg muss ihn wegführen von Drogen – auch vom Kiffen – und von Menschen, die ihm ganz offensichtlich nicht guttun.»



Kommentar schreiben

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein.
Noch keinen Zugang? Jetzt kostenlos registrieren.



Anzeige:

Anzeige:

Anzeige:

ostjob.ch  STELLENSUCHE

Ostschweizer Trauerportal

tagblatt.ch / leserbilder

FACEBOOK.COM /TAGBLATT