Tagblatt Online, 13. Januar 2009 01:01:30
Vom Geld zu Gott hin
Reto Oberholzer schätzt seine Arbeit in Niederhelfenschwil sehr. (Bild: Bild: ml.)
Reto Oberholzer, Pfarrer des Seelsorgeverbands Niederhelfenschwil-Zuckenriet-Lenggenwil, gibt Auskunft über den ungewöhnlichen Werdegang seiner Laufbahn, das Wirken Gottes in seiner Gemeinde und die Entwicklung der katholischen Kirche in den bewegten Zeiten zu Beginn des 21. Jahrhunderts.
Herr Oberholzer, Sie kommen ursprünglich aus dem Bankenwesen und sind erst später in Ihrem Leben Priester geworden. Was hat Sie dazu bewegt, sich vom Geld ab- und sich zu Gott hinzuwenden?
Reto Oberholzer: Ein überaus prägendes Schlüsselerlebnis im Alter von 26 Jahren führte mich zum Entschluss, in den Dienst der Kirche zu treten. Bei einem Ausritt mit meinem Pferd stand es vor einem Wegkreuz still. Ich las den Leitspruch: «Das habe ich für dich getan, was tust du für mich?» Das sah ich als Weisung Gottes für meinen weiteren Lebensweg an.
Banker und Priester teilen derzeit das gemeinsame Schicksal, dass beide Berufsstände nicht eben gerade hochangesehen sind. Wie sind die Hintergründe zu erklären, dass die heutige Kirche deutlich an Sozialprestige verloren hat und es um den Nachwuchs für kirchliche Dienste in Zeiten des zunehmenden Priestermangels schlecht bestellt ist?
Oberholzer: Naturgemäss verursachen die fehlende Frauenordination und der Zölibat unbefriedigende Zustände innerhalb der katholischen Kirche, weil der Doppelmoral hiermit Tür und Tor geöffnet wird. Ich habe zu Zeiten des Papstes Johannes Paul II. dem Nuntius einen Brief geschrieben, um diesen auf die unhaltbare Situation im Zusammenhang mit der Rolle der Frau innerhalb der Kirche hinzuweisen. Genützt hat es wenig. Dabei bin ich überzeugt, dass der Dienst am Nächsten das Leben bereichert. Jedenfalls würde ich mich auch in den heutigen Zeiten wieder dazu entscheiden, Priester zu werden, auch wenn man mit einem solchen Beruf in der Gesellschaft als Exot gilt.
Was wären die Gründe, auch noch in den heutigen Zeiten einen kirchlichen Beruf zu ergreifen?
Oberholzer: Es gibt viele Motive für die Wahl eines kirchlichen Berufs. Die schönste Aufgabe ist es, die Liebe Gottes in Wort und Tat in die Gesellschaft weiterzutragen. Ein weiteres Motiv für einen kirchlichen Beruf kann die Erfahrung als Seelsorger an den Knotenpunkten des menschlichen Lebens sein: Beim Teilen von Freud und Leid erfährt ein Seelsorger die Güte und die Barmherzigkeit Gottes.
Seit vier Jahren sind Sie Pfarrer in Niederhelfenschwil. Wie fällt Ihre Bilanz aus, wenn Sie einen Rückblick auf die vergangene Zeit wagen?
Oberholzer: Ich bin immer wieder überrascht, wie viele Leute sich am kirchlichen Leben im Seelsorgeverband beteiligen und wie alle Generationen sich engagieren. Manchmal kommt mir das Leben in Niederhelfenschwil, Lenggenwil und Zuckenriet wie eine heile Welt vor, weil hier nach wie vor eine grosse Zusammengehörigkeit zu beobachten ist. Gerne möchte ich in diesem Zusammenhang das grosse Engagement der kirchlichen Mitarbeiter betonen, die sich mit Herz und Seele einsetzen.
Was haben Sie als eher schwierig empfunden in dieser Zeit?
Oberholzer: Junge Leute verlieren vermehrt den Zugang zur Kirche. Wir versuchen dieser Entwicklung ein Stück weit mit der Firmung ab 18 entgegenzuwirken. Sorgen bereitet mir überdies die Situation vieler Familien in der heutigen Zeit, die von Armut betroffen sind, sich aber aus Scham nicht melden und sich so isolieren. Hinzu kommt die nicht einfache Situation der Alleinerziehenden. Mit Kursen für Eltern mit Kleinkindern und Jugendlichen versuchen wir, eine Hilfe von Seiten der Kirche anzubieten.
Ist für Sie die seit einigen Jahren oft thematisierte «Renaissance der Religionen» spürbar?
Oberholzer: Eine Krisenzeit, in die wir aufgrund der Wirtschaftskrise zunehmend hineingeraten, kann für die Kirche auch eine Chance bedeuten, weil in kritischen Zeiten verstärkt nach Sinn im Leben Ausschau gehalten wird. Und Religion stiftet Sinn. Für die Zukunft der Kirche bleibe ich trotz des Problems des Priestermangels zuversichtlich, weil gerade aufgrund des Priestermangels die Laien eine grössere Bedeutung erlangen, was für deren Integration in die Kirche förderlich wirkt.
Was wären Ihre Anliegen, wenn Sie morgen zum Papst gewählt würden?
Oberholzer: Ich würde den Zentralismus abbauen und stattdessen Patriarchate schaffen. Im Sinne einer Demokratisierung würde ich mehr Verantwortung und Kompetenzen an die Teilkirchen abgeben. Das Priesteramt für Frauen möglich zu machen, wäre auch denkbar. Sowohl bei der Frauenordination wie bei der Abschaffung des Zölibats würde ich aber mit pastoraler Klugheit zuerst einmal einen Mittelweg einschlagen, um das Kirchenvolk nicht vor den Kopf zu stossen und ein Schisma zu verhindern.
Interview: Magnus Leibundgut
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