Tagblatt Online, 06. August 2012 01:37:00
Es ist ein grosser Wurf gelungen
Die Aufführung «D'Geierwally» zeigt vor einem beeindruckenden Bühnenbild das Leben in der Schweiz von früher. (Bild: Mario Fuchs)
DREIBRUNNEN. Auf der Freilichtbühne in Maria Dreibrunnen wird «D' Geierwally» gezeigt, eine Geschichte über Liebe und Heimat. Die Leistung der Darsteller und die ganze Inszenierung überzeugen. An der Premiere am Freitag gab es Standing Ovations.
SEVERIN SCHWENDENER
Es war der häufigste Kritikpunkt der letzten Jahre: Man sehe nicht von allen Plätzen aus gut auf die Bühne. Nun haben die Organisatoren der Freilichtspiele bei Maria Dreibrunnen reagiert und bieten heuer mit einer steileren Tribüne freie Sicht für alle. Vor Wind und Wetter geschützt, kommt das Publikum dieses Jahr in den Genuss der Geschichte um die Geierwally, einer hart gewordenen Frau, die sich gegen alle Konventionen stellt und an ihrer Härte letztlich um ein Haar zerbricht. Mit «D' Geierwally» kommt ein Heimatroman auf die Bühne, der viel Einblick in die Schweiz von früher und die Wurzeln unserer Werte bietet.
Hart und unnahbar
Entstanden ist «Die Geierwally» jedoch nicht in der Schweiz. Die deutsche Schriftstellerin Wilhelmine von Hillern stiess im 19. Jahrhundert auf die Geschichte einer Tirolerin, die einen Adlerhorst ausnahm, nachdem sich alle Männer im Dorf geweigert hatten. Daraus entstand die Geschichte der hübschen Walburga Stromminger, die von ihrem Vater, dem reichsten Bauer im Tal, hart erzogen wird. Er lässt sie das Nest eines Geiers in der Steilwand ausräumen, womit sie alle Männer im Dorf beschämt. Den jungen Geier zieht sie auf, was ihr den Namen Geier-Wally einbringt. Doch durch ihren harten Vater ist Wally selbst hart und unnahbar geworden. Sie hat sich in den mutigen Bärensepp verliebt, ist jedoch zu stolz, ihm das zu zeigen. Er wiederum schreckt vor den Gerüchten um ihre Kratzbürstigkeit zurück. Da beide, der Bärensepp und die Geierwally, einen sturen Schädel haben, stürzen sie lieber sich und das halbe Dorf ins Verderben, als sich ihre Gefühle füreinander einzugestehen.
Schweizer Gedankengut
Diese klassische Geschichte haben die Freilichtspiele Maria Dreibrunnen an die Thur versetzt, und ihnen ist ein grosser Wurf gelungen. «D' Geierwally» zeigt vor einem beeindruckenden Bühnenbild das Leben in der Schweiz von früher: einfach und dörflich Es zeigt aber auch, wie hart es Menschen in dieser Welt hatten, die sich nicht an die gesellschaftlichen Regeln halten wollten. Wenn der Pfarrer zu Wally sagt: «Wer zu hoch hinauswill, der wird von Gott zurechtgestutzt!», dann bringt er damit urschweizerisches – und auch heute bei weitem nicht verschwundenes – Gedankengut auf den Punkt. Die Schweiz ist hart mit allen, die glauben, besser oder härter zu sein; «D' Geierwally» ist daher auch in gesellschaftlicher Hinsicht ein interessanter Blick in unser aller Vergangenheit.
Vor allem aber ist es eine Geschichte um Liebe und Stolz, die vor allem der Hauptdarstellerin das gesamte Spektrum an Emotionen abverlangt. Nadine Landert wird dieser anspruchsvollen Rolle mehr als gerecht, ihre Wally ist glaubwürdig und intensiv. Die Inszenierung mit Pferdefuhrwerken und einem lebenden Geier ist opulent, wobei gerade hier der einzige wirkliche Kritikpunkt zu finden ist. Wenn man den an seiner Leine zappelnden Geier sieht, dann stellt sich die Frage, ob so etwas trotz der erreichten Authentizität noch zeitgemäss ist.
Abgesehen davon bietet das Stück eine wunderschöne Geschichte über Liebe und Heimat, die hervorragend umgesetzt ist. Nicht umsonst dankte es das Premierenpublikum am Freitagabend mit Standing Ovations, die nicht nur den überzeugenden Darstellern, sondern der gesamten Inszenierung galten.
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