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Tagblatt Online, 20. März 2009, 01:02 Uhr

Mittendrin in der Katastrophe

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Lotty Wohlwend (links) durchforscht zusammen mit ihrer Mitarbeiterin Monika Wirz alte Zeitschriften, die vom Flugzeugabsturz in Dürrenäsch berichten. (Bild: Bild: nb.)

RICKENBACH. Zusammen mit Betroffenen hat die Rickenbacher Autorin Lotty Wohlwend die Geschehnisse um den Flugzeugabsturz von Dürrenäsch aufgearbeitet und damit ein langes Schweigen gebrochen. Entstanden ist das Buch «SOS in Dürrenäsch».

Natalie Brägger

Eine ganze Generation eines Dorfes wird auf einen Schlag ausgelöscht. Ein Unglück, das man sich nur schwer vorstellen kann. Ein Unglück, das man nie mehr vergessen kann, wenn man es erlebt hat. Ein Unglück, das die ganze Schweiz erschütterte. Genau dieses Unglück, den Flugzeug-Absturz von Dürrenäsch im Jahr 1963 (Kasten), hat Lotty Wohlwend zum Thema ihres neuen Buches – das sie auch verfilmt – gemacht. Sie selber hat eine spezielle Beziehung zu dieser Katastrophe: Ihre Mutter ist im Nachbardorf von Dürrenäsch aufgewachsen und ihre Eltern haben sich zwei Tage nach dem Unglück im Heimatdorf der Mutter verlobt.

Pressesperre aufgehoben

Mit der Arbeit für ihr Buch hat Lotty Wohlwend ein lang anhaltendes Schweigen gebrochen. Kurz nach dem Unglück wurde über die beiden Dörfer Humlikon und Dürrenäsch nämlich eine Pressesperre verhängt. Betroffene, Hinterbliebene, Augenzeugen und Helfer schwiegen. Vor vier Jahren hat Lotty Wohlwend die Gemeinden besucht und um die Aufhebung der Pressesperre gebeten. Mit über fünfzig Personen hat sie über das Unglück geredet, ihr Buch hat sie aus der Sicht der Betroffenen geschrieben. «70 bis 80 Prozent der Befragten haben das allererste Mal darüber gesprochen», erklärt Lotty Wohlwend. Jeder in den beiden Dörfern wisse noch heute ganz genau, wo er sich aufgehalten habe, als er von der Katastrophe erfahren habe. «Das Ereignis hat sich bei den Betroffenen eingebrannt, einige konnten mir sogar Details wie die Kleider, die sie damals trugen, beschreiben», erzählt die Schriftstellerin, «das hat mich schon sehr beeindruckt.» Viele der Betroffenen seien schwer traumatisiert, weil sie das Erlebte einfach verdrängt hätten. «Sie hätten das Ganze besser verdauen können, wenn sie die Möglichkeit gehabt hätten, darüber zu sprechen», ist Lotty Wohlwend denn auch überzeugt. Mit ihrem Buch möchte sie bewusst machen, «dass wir uns mehr Zeit füreinander nehmen sollten».

Um als Autorin Betroffenen zuzuhören, braucht es laut Wohlwend aber «eine professionelle Distanz». Trotzdem habe sie zu vielen am Unglück Beteiligten – Überlebende und Tote – eine enge Beziehung aufgebaut. «Ich habe manchmal das Gefühl, ich sei selber dabei gewesen», sagt die Mutter von drei Kindern.

Gewaltiger Ansturm

Das Buch von Lotty Wohlwend ist zurzeit im Endspurt. Letzte Korrekturen werden gemacht, wenn alles gut läuft, sollte es noch in diesem Monat erscheinen. Mit ihrer Arbeit ist Lotty Wohlwend jedoch im Verzug. Dies, weil sie die vielen Anfragen von Leuten, die ihre Erlebnisse für das Buch schildern wollten, kaum bewältigen konnte. «Ich wollte eigentlich zuerst den Film drehen», erklärt die Autorin, «aber die Buchform schien mir für die Bündelung der vielen Beiträge sinnvoller.» Sogar das Buch musste Lotty Wohlwend stark kürzen: «Es hätte locker doppelt so dick werden können.» Das Bedürfnis, endlich über das Unglück zu reden, scheint bei fast allen vorhanden gewesen zu sein. «Ich habe sehr viele Briefe bekommen», erzählt Wohlwend, «die Leute sind dankbar, dass sie etwas abschliessen konnten.»

Filmszenen bereits gedreht

Auch wenn das Buch bald im Druck ist, hat Lotty Wohlwend keine Zeit für eine Ruhepause. Die ersten Filmszenen sind bereits im Kasten, spätestens im Herbst soll der Film zum Buch fertig gedreht sein. Und auch danach sieht die Rickenbacherin keinen Grund für eine Schaffenspause. «Im Hintergrund arbeite ich schon jetzt wieder an zwei Sachen», verrät sie. Um ihren ungebrochenen Arbeitsdrang zu begründen, nennt Lotty Wohlwend einen Vergleich: «Geschichten sind wie Äpfel, wenn sie reif sind, muss man sie pflücken.»



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