Tagblatt Online, 28. Juli 2008 01:16:13
Zarte Hände lenkten der Rosse rohe Kraft
Keine Schönste und kein Schönster des Landes, kein ehemaliger Sportolymp im Unruhestand und kein Politiker beziehungsweise Politikerin i. oder a. D. war es diesmal, die hoch auf dem sechsspännigen Bierwagen auf den goldenen Boden einziehen durfte. Nein, diesmal waren es die zarten Hände einer bezaubernden Persönlichkeit, die der Rosse rohe Kraft zum Hof hinauf lenkten. Jemand, die den Palmares des Lebens noch nicht über oder hinter sich hat, ein kommender Star, ein Shooting Star sozusagen, eine Person, auf die die Überraschungen der Karriere noch warten. Aber gleichwohl eine Künstlerin, die auch hierzugegend nicht unbekannt ist, eine Bernerin, deren Ruf – zum Glück – auch in die Ostschweiz gedrungen ist. Ein gemäss einschlägiger Medien aufgehender Stern der Volksschlagermusik, zur Thunerin des Jahres Geehrte – die erst 21jährige Melanie Oesch.
Königin der Hofchilbi
Melanie Oesch also war die diesjährige Königin der Hofchilbi. «Eine Riesenehre für mich», sprach sie ins Mikrophon, befragt vom Hofchilbikönig Mike Holenstein, und schon der zweite Satz war eine Ehrung für die Hofchilbistadt: «Es ist ein sehr, sehr schönes Gefühl in dieser wunderschönen Stadt zu sein.» Ohne ihr strahlendes Lächeln auch nur für einen Moment aufzugeben, stieg sie vom hohen Kutschbock herunter, band sich die Lederschürze um und ergriff den ihr gereichten Holzhammer. Ein Dutzend zarte Schläge, ein kurzer Spritzer, dann war der Messinghahnen drin im Eichenfass. Ehre, wem Ehre gebührt, und so reichte Holenstein seiner Folklorekönigin den ersten vollen Humpen, nicht ohne sich mit der zweiten Hand gleich seinen eigenen zu füllen.
Von nun an rann der köstliche Gerstensaft ohne Unterlass in die unzähligen ungestüm hingereichten Humpen, derweil sich Melanie Oesch an den zweiten Akt ihres Hofchilbiengagements machte. Sie bestieg an der Hand Holensteins die Bühne, wo schon ihre Familie wartete. Ein kurzes Interview, nochmals gab es Lob für den Anlass, «sehr schön, und die Gefühle sind kaum in Worte zu fassen», und etwas Eigenwerbung: «In wenigen Tagen kommt unsere neue CD heraus», und dann liess die Jodelkönigin in spe in ihre momentan etwas dichtgedrängte Agenda blicken. Derzufolge sei sie bereits am nächsten Morgen live im deutschen Fernsehen zu sehen, was bedeute, dass sie nach dem Wiler Auftritt flugs in Richtung Schwarzwald abreisen werde und somit, und dabei wechselte das Mikrophon zu Mike Holenstein, die Autogrammstunde zwischen den Sets statt nach dem Auftritt abgehalten werde.
Jugendlich frische Stimme
Und dann machte sich Oesch an das, auf das die Fans schon seit Minuten warteten und wegen dem sie gekommen waren: «Mel» Oesch gab den immer noch fast vollen Humpen aus der Hand und sang. Sie sang mit ihrer noch jugendlich frischen Stimme ihre Lieder, sie jodelte mit ihrem sich autodidaktisch zugelegten Zungenschlag bis auch den bisher Unbedarften auf dem Platz das Staunen im Halse stecken blieb. Hinter dem Bierwagen streckten derweil die Durstigen immer und immer wieder ihre leeren Humpen zum Bierhahnen hin, bis zur bitteren Neige, bis nur noch Schaum heraustropfte, es leer war, das von der Brauerei geschenkte Fass, ja und das war leider bereits nach zwanzig Minuten der Fall.
Die Rosse zogen schliesslich von dannen, der erste Höhepunkt der Hofchilbi 2008 war vorbei. Aber das wurde kaum bemerkt, denn auf der Bühne hatten Melanie Oesch und ihre Familienband «Oeschs die Dritten» schon längst alle Aufmerksamkeit auf sich gezogen.
Michael Hug
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