Tagblatt Online, 07. Februar 2012 01:05:00
Ohne Kapital keine neuen Firmen
Christian Balschun zur Bedeutung der Arbeitsplätze: «Arbeitnehmer bezahlen auch dann Steuern, wenn die Firma das nicht kann.» (Bild: hs.)
REGION. Der Wirtschaftsraum Wil-Uzwil-Flawil-Hinterthurgau ist in den Augen von Christian Balschun «gut bis sehr gut positioniert». Der Leiter der Acrevis-Niederlassung Wil ist auch für die Zukunft positiv gestimmt, mahnt aber dennoch zur Vorsicht: «Jede Krise braucht ihre Rücklagen.»
HANS SUTER
«Guter Branchenmix, keine Monokultur»: Christian Balschun beurteilt die Wirtschaft in der Region fast durchwegs positiv. Verstärkt wird sein Eindruck durch den Umstand, dass kaum ein Klumpenrisiko auszumachen ist. «Natürlich könnte der Wegfall eines grossen Betriebs örtlich zu empfindlichen Einschnitten führen», relativiert er. Regional betrachtet wären die Auswirkungen – wenngleich sehr schmerzvoll – aufgrund der breiten Diversifikation aber dennoch verkraftbar.
«Gut bis sehr gut»
Gewerbe und Industrie in der Region sind nach Auffassung des Bankfachmanns breit aufgestellt. Deren Positionierung bezeichnet er als «gut bis sehr gut». Insbesondere sieht er wenige direkte Abhängigkeiten infolge einseitiger Entwicklungen, wie sie in anderen Wirtschaftsräumen, besonders im Ausland, zu beobachten sind. Die gute Positionierung ist für ihn aber kein Zufall: «Kein Gewerbe kann es sich bei uns noch leisten, nicht gut positioniert zu sein.» Als leuchtendes Beispiel einer ausgezeichneten Marktpositionierung nennt er die Firma Stihl, die in Wil und Bronschhofen hochwertige Ketten für die Stihl-Kettensägen herstellt – konkurrenzfähig für den Weltmarkt wohlverstanden.
Sichere Arbeitsplätze
Das Angebot an Arbeitsplätzen bezeichnet Balschun als ausgewogen. «Industrie, Gewerbe und Handwerk bieten einen breiten Querschnitt an qualifizierten, zum Teil sogar hochspezialisierten Arbeitsplätzen.» Wichtig dabei: «Es sind zumeist sichere Arbeitsplätze, die konjunkturellen Schwankungen recht gut zu trotzen vermögen.» Darin sieht er einen weiteren bedeutenden Vorteil für die Region, den es nicht zu unterschätzen gelte: «Sichere Arbeitsplätze stellen einen recht verlässlichen Wert für die Gemeindebudgets dar», sagt der im Toggenburg lebende Vater von vier Kindern. Und verdeutlicht: «Arbeitnehmer bezahlen auch dann Steuern, wenn die Firma das nicht kann.» Er begrüsst daher die steten Bemühungen, in der Region massvoll und mit Weitblick weitere Unternehmen anzusiedeln.
Kapital von Banken
Firmen benötigen Kapital. Im Umkehrschluss bedeutet das: Ohne Kapital keine neuen Firmen. Sind die Banken in der Region bereit, Unternehmen das benötige Kapital zur Verfügung zu stellen? «Ja», sagt Christian Balschun, «Firmen erhalten hier nach wie vor Kapital von den Banken.» Er schränkt jedoch ein: «Je höher das Risiko, desto mehr Eigenkapital muss das Unternehmen selber einbringen.» Eine Faustregel gebe es nicht. Im schweizerischen Durchschnitt werde mit 20 bis 40 Prozent gerechnet, je nach Branche, Struktur, Marktpositionierung usw.
Rücklagen schaffen
Christian Balschun warnt zugleich: «Jede Krise braucht ihre Rücklagen.» Was er damit meint: Ohne genügend Eigenmittel, die in schwierigen Zeiten die Zahlungsfähigkeit gewährleisten oder Bankkrediten als Sicherheit gegenübergestellt werden können, ist die Überlebensfähigkeit eines Unternehmens gefährdet. In der Grossregion um Wil herrsche diesbezüglich eine weitgehend vorbildliche Kultur.
«Noch keine Immobilienblase»
Vermehrt zu reden geben die stetig steigenden Immobilienpreise. Immer öfter wird für Teile der Schweiz der Begriff «Immobilienblase» verwendet, insbesondere für die Wirtschaftsregionen Genfersee und Zürich-March-Zug sowie die Ferienregionen Davos und Oberengadin. Man erinnere sich: Ende der 1980er-Jahre platzte die bislang grösste Immobilienblase der Schweiz. Schätzungen zufolge verloren die Banken damals gegen 70 Milliarden Franken.
Wie sieht es heute in der Region aus? «Wir haben noch keine Immobilienblase», ist der Bankfachmann überzeugt. «Gewisse Tendenzen sind aber da und dort auszumachen.» Für eine Immobilienblase braucht es nach Lehrbuch günstige Kredite und ein knappes Angebot. Beides ist vorhanden. Kommt nun noch Spekulation mit stark steigenden Preisen hinzu, kann sich im verborgenen eine Immobilienblase bilden. Balschun ist sich bewusst: «Eine Immobilienblase sieht man meistens erst, wenn sie platzt. Und dann wird heftig überreagiert.» So weit wie vor 25 Jahren ist die aktuelle Situation seines Erachtens aber nicht. Bei stark steigenden Zinsen dürfte sich die Situation jedoch zuspitzen.
Gute Verkehrsanbindung
Als einen der Hauptgründe für die starke wirtschaftliche Entwicklung der Region sieht Christian Balschun die gute Verkehrsanbindung sowohl bezüglich Strasse (Autobahn A1) als auch Schiene (Taktfahrplan, Schnellzugshalte). Das stetig gestiegene Verkehrsaufkommen mit vermehrten Stausituationen hingegen bereitet ihm Sorgen. Er erachtet es als ein Gebot der Stunde, die anstehenden Verkehrsprobleme gemeinsam – und damit meint er regional – anzupacken und zu lösen. «Eine gute Verkehrsanbindung ist für viele Unternehmen von grösster Wichtigkeit», sagt Christian Balschun und präzisiert: «Wir sprechen hier nicht einfach von Firmen und Produkten, sondern von Arbeitsplätzen und Menschen, die hier ihr Auskommen finden.»
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