Tagblatt Online, 06. Februar 2012 01:04:00
Mit Fahrplan in den Ruhestand
Otmar Ledergerber: «Offenheit und Ehrlichkeit schätzen alle.» (Bild: seb.)
KIRCHBERG. Er hat den öffentlichen Verkehr in der Region über Jahrzehnte geprägt. Nun ist Otmar Ledergerber pensioniert. Doch das Zurücklehnen muss warten. Ledergerber fährt in den Ruhestand – mit einem Teilzeitpensum als Buschauffeur.
SEBASTIAN KELLER
Ein besonderes Gefühl sei der letzte Arbeitstag gewesen, erzählt Otmar Ledergerber. Am Tag danach sitzt er im Restaurant, trinkt Kaffee und hat seinen Ruhestand begonnen. Zumindest fast. «Ich will nicht einfach in den Tag hineinleben», sagt er, «das kann ich gar nicht.» Und vorerst warten noch Aufgaben: Seinen Pult muss er räumen und Aufgaben übergeben. Den beruflichen Abschied hat er sich fliessend oder besser gesagt «fahrend» eingerichtet: Bis Ende September fährt er für WilMobil in einem Teilzeitpensum Bus. «Alles, was anfällt. Ich bin voll in den Dienstplan integriert», sagt Ledergerber, die blauen Augen funkeln vor Motivation. Reguläre Kurse frühmorgens und spätabends, Extrafahrten, Bahnersatzbusse –für alles ist er bereit. Während seiner Tätigkeit im öffentlichen Verkehr setzte er sich gerne selber an das Lenkrad eines Busses: «Wir haben immer wieder Feuerwehr gespielt», sagt Ledergerber; als ehemaliger Feuerwehrkommandant (siehe Kasten) meint er dies gar nicht abschätzig. «Bei ausserordentlichen Ereignissen konnten wir sofort reagieren», sagt er. «Mir hat das immer Spass gemacht.» Und es gab ihm Hinweis für seine Arbeit, auch für seine letzte Funktion als Leiter Sicherheit. «Als Verwaltungsmensch konnte ich mich so besser in die Situation des Fahrpersonals einfühlen.»
Ehrlichkeit und Offenheit
Und der Höhepunkt des Berufslebens? «Die Loyalität der Mitarbeitenden prägte den Alltag», sagt Ledergerber mit der Zufriedenheit eines Fussballtrainers nach einem Turniersieg. Sein Rezept im Umgang mit Menschen habe sich bewährt: «Offenheit, Ehrlichkeit und Respekt schätzen die Menschen überall.» Und Operatives? «Vieles und auch Interessantes», sagt Ledergerber. Ein Beispiel? Als eines der letzten grossen Projekte habe er das neue Busdepot von WilMobil in Wilen realisiert.
Zum öffentlichen Verkehr kam er «auf dem politischen Weg». Als Kirchberger Gemeinderat kümmerte er sich ab Mitte der 80er- Jahre um den Fahrplan der Buslinie Wil–Rickenbach–Kirchberg– Gähwil. «1987 übernahm ich diese Aufgabe als Freizeit-öV-Gestalter», wie er es formuliert. Der Busfahrplan wies damals Lücken auf wie ein Zaun, dem immer mal wieder Latten fehlen. «Und um 19 Uhr war Feierabend», erinnert sich Ledergerber. Heute ist das anders: Der Bus fährt von Montag bis Samstag halbstündlich mit weiteren Kursen morgens und abends; am Wochenende fährt er bis spät in die Nacht; am Sonntag durchgehend im Stundentakt. «Schritt für Schritt konnte der Fahrplan ausgebaut werden», sagt Ledergerber, «bei jedem Fahrplanwechsel.» Eine höhere Fahrplandichte sei kaum mehr möglich. Wenn der frisch Pensionierte von der Entwicklung der Line 732 (Wil–Gähwil) redet, tut er dies mit stolzer Stimme eines Fischers, der mit einem Riesenfang zurückgekehrt ist. Die verschiedenen Funktionen, welche die Linie erfüllt, habe zum Erfolg beigetragen: Sie bringt Oberstufenschüler von Gähwil nach Kirchberg, Kantischüler nach Wil, Pendler zur Arbeit, Kunden zum Einkaufen und viele Fahrgäste in das Naherholungsgebiet. Und sie ist Teil des Stadtbusses auf Wiler Stadtgebiet. Notabene ist sie die einzige Linie, auf der die drei Gelenkbusse verkehren.
Eine Geisteshaltung
«Öffentlicher Verkehr beginnt im Kopf», sagt Ledergerber. Es sei eine Geisteshaltung, eine Philosophie. Und damit spricht er nicht nur auf die Menschen an, die in dieser Branche tätig sind. Die Kunden fahren besser, wenn sie sich der Mechanismen des Systems bewusst seien: Fahrpläne, Billette, Anschlüsse. Und vor allem die Erkenntnis mit auf die Reise nehmen, dass es keine verlorene Zeit sein muss, mit dem öV unterwegs zu sein. Er selber lese ausgiebig Zeitung, bereite sich auf Sitzungen vor. Dass der öV nicht jedermanns Sache ist, weiss Ledergerber. «Teils Leute lassen besser die Hände davon», sagt er mit dem Pragmatismus, den einen das Leben lehrt. Der 63-Jährige ist kein Missionar, aber durchaus überzeugter Vertreter der Sache. Autofahren verpönt er nicht. Früher fuhr er selber Auto, sehr viel sogar. «Als Aussendienstler war ich immer mit dem Auto unterwegs», sagt er, «in diesem Beruf geht das nicht anders.»
«Natürlich ist auch Spontanität gefragt», sagt er zu seiner Pensionierung. Einiges gebe es nachzuholen: Sich viel Zeit für die Familie nehmen etwa. Und auch am Haus – es liegt an der Line 732 – gebe es noch das eine oder andere zu verbessern. Optimieren sei immer möglich – «wenn man will». Und dann sagt er etwas, das er nur mit Schmunzeln über die Lippen bringt: «Es ist nie ausoptimiert.»
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