«Würde es nicht mehr anonym tun»

WIL ⋅ Neuer Akt im Feuerwehr-Debakel: Ein Offizier wird aus den eigenen Reihen mit scharfen Worten angegriffen. Dieser bekennt sich zu einem anonymen Leserbrief und erklärt: «Es ging mir um das Wohl der Feuerwehr.»
07. Oktober 2017, 12:15
Hans Suter

Hans Suter

hans.suter@wiler Zeitung.ch

Es ist wie bei einem Vulkanausbruch. Im Verborgenen brodelt es, Kräfte bewegen sich aufeinander zu und drücken sich weg, hier und da steigt eine Rauchsäule auf, ein kurzes Beben. Dann herrscht vermeintlich Ruhe, bis der Druck zu gross wird und es zur Eruption kommt. Wie beim Sicherheitsverbund Region Wil (SVRW). Hinter den Türen brodelt es seit Jahren. Doch niemand getraute sich, an die Öffentlichkeit zu treten und auf mögliche Missstände hinzuweisen. Dem Verwaltungsrat wird nun Untätigkeit vorgeworfen, sowohl unter dem Präsidium von Andreas Widmer als auch aktuell unter Daniel Meili.

Seit der überraschenden Freistellung von SVRW-Geschäftsführer Andreas Dobler gelangt viel an die Oberfläche. Der Druck beginnt zu weichen, und es melden sich Personen bei der Redaktion, die mit ihrem Namen zu ihren Aussagen stehen; anonyme Leserbriefe druckt die «Wiler Zeitung» aus journalistisch-ethischen Gründen nicht ab.

Vorwürfe an anonymen Leserbriefschreiber

Einer, der sich zu Wort meldet, ist Markus Schöni. Der Bronschhofer hat sich als Privatperson mit einem Leserbrief an die Redaktion gewandt. Er ist zugleich Offizier der Feuerwehr des SVRW. Er bezweifelt, ob die Trennung von Andreas Dobler «im gegenseitigen Einverständnis» erfolgt ist, wie es Verwaltungsratspräsident Daniel Meili in einem Informationsschreiben an alle Involvierten des SVRW formulierte. «Es ist aufgrund der Entwicklung dieses Jahres klar, dass das Einverständnis sehr einseitig liegt und die ganze Sache schöngeredet wird», sagt Schöni. Begonnen habe die ganze Geschichte mit einem «sehr unschönen anonymen Leserbrief eines Hauptmanns im Stab» in einer Gratiszeitung, der den Verwaltungsrat komplett überrumpelt habe. «Dieser Brief kommt vom direkten Amtsvorgänger von Do­b­ler», behauptet Markus Schöni. Gemeint ist damit Urs Näf, Kommandant der Kompanie 1 im Grad eines Hauptmanns. «Dem Mann, der als einziger die Möglichkeit hatte, die Geschicke der damaligen Feuerwehr Wil zu beeinflussen, jedoch nach nur rund sechs Wochen genug von diesem Amt hatte und bei der Stadt Wil kündigte.» Dobler sei als Nachfolger vom Stadtrat gewählt worden und habe die Feuerwehr Wil beziehungsweise die Nachfolgeorganisation SVRW in den vergangenen 14 Jahren problemlos geführt. Mit dem Auftauchen des anonymen Leserbriefs sei das Mobbing, das in der Vergangenheit von mehreren Offizieren gegen den Kommandanten betrieben worden sei, an die Oberfläche gelangt, und der Verwaltungsrat habe reagieren müssen.

Verwaltungsrat Untätigkeit vorgeworfen

Es seien Sofortmassnahmen umgesetzt worden, um das Feuerwehrkommando und die Geschäftsstelle des SVRW zu trennen. Der Leserbriefschreiber habe lediglich einen Verweis erhalten. Vom Stellenwert her sei dieser etwa gleich, wie wenn ein Mitglied der Feuerwehr eine Übung vergessen habe und unentschuldigt ferngeblieben sei. Dann habe der Verwaltungsrat einer Arbeitsgruppe den Auftrag gegeben, mögliche Szenarien zu entwerfen, obwohl betont werde, diese Reorganisation seit Herbst 2016 zu planen. «Warum nur muss das zuerst aufgegleist werden, wenn man schon ein halbes Jahr dran ist?», fragt sich Markus Schöni.

Es sei schliesslich entschieden worden, die Geschäftsstelle und die Einsatzorganisationen zu trennen und gleichzeitig Geschäftsführer Andreas Dobler auf die Strasse zu stellen. «Nichts von gegenseitigem Einverständnis», hält Markus Schöni fest. «Er wird trotz jahrelanger tadelloser Arbeit entlassen, ohne etwas falsch gemacht zu haben. Warum? Eine Begründung hat der Verwaltungsrat nicht abgegeben.» Markus Schöni kommt zu folgenden Feststellungen: Der Mobbende (Amtsvorgänger und anonymer Leserbriefschreiber) sei nach wie vor im Amt, während der Gemobbte grundlos entlassen werde, ohne etwas falsch gemacht zu haben. Der Verwaltungsrat als Arbeitgeber sei seiner Pflicht, die Mitarbeiter vor Mobbing zu schützen, nicht nachgekommen und habe sich gegenüber Andreas Dobler «mehr als schäbig» verhalten. «Es ist mir ein Rätsel, wie im Verwaltungsrat eine Mehrheit dafür gefunden wurde», sagt Markus Schöni und bezichtigt den Verwaltungsrat gar der Lüge. Der Verwaltungsrat habe gelogen, wenn er behaupte, die Reorganisation seit im Herbst 2016 zu planen. «Sonst wäre er nicht derart auf dem linken Fuss erwischt worden.» Schöni fordert den Verwaltungsrat auf, «seine Führungsschwäche zu überwinden und ein klares Zeichen gegen Mobbing zu setzen und solchen Leuten nicht nur einen Verweis zu erteilen». Feuerwehrleute müssten sich im Einsatz zu hundert Prozent auf den Kameraden verlassen können.

Feuerwehroffizier bekennt sich

Verwaltungsratspräsident Daniel Meili weilt in den Ferien und war deshalb nicht erreichbar für eine Stellungnahme. Erreichbar war hingegen der angeschuldigte Feuerwehroffizier Urs Näf. «Ja, ich bin der Verfasser jenes anonymen Leserbriefs», bestätigt er der «Wiler Zeitung». «Den Leserbrief würde ich wieder schreiben, wenn es notwendig wäre, um die Sache ins Rollen zu bringen. Aber ich würde es nicht mehr anonym tun. Dass es nicht der richtige Weg war, sehe ich ein, es verstiess ja auch gegen das Reglement.» Warum aber hat er es getan? «Ich sah damals keinen anderen Weg. Es ging mir in erster Linie um die Feuerwehr. Wir müssen wieder zu unserer angestammten Kameradschaft zurückfinden. Sie ist das Fundament des Milizsystems», sagt Urs Näf. «Es war vielleicht nicht der richtige Weg, hat aber den Druck genommen.» Denn der Verwaltungsrat habe trotz Hinweisen nichts unternommen, um wieder Ruhe und Ordnung einkehren zu lassen. Bezüglich der Anonymität sei ausserdem anzumerken, dass in der Feuerwehr so ziemlich jedermann klar gewesen sei, von wem der anonyme Leserbrief gestammt habe. Dass Mobbing im Spiel gewesen sei, verneint Urs Näf. «Wenn man nicht gleicher Meinung ist, heisst das nicht, dass man mobbt.» Näf betont, ihm sei es immer um die Sache gegangen. Zur Person Doblers äussert er sich nur noch kurz: «Mit ihm kann man gut arbeiten, wenn man seiner Meinung ist.»

Die Aussagen Schönis erstaunen Näf. «Er ist zwar Offizier, aber im Milizsystem. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er wirklich dahinter sieht. Ich für meinen Teil jedenfalls kann und will keine Beurteilung der Arbeit der Geschäftsstelle machen. Das ist Sache des Verwaltungsrats.»


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