Wil ist Ständeratspräsident

REGION ⋅ Dank Karin Keller-Sutter steht Wil nun ein Jahr lang im Rampenlicht. Gleich mehrere Frauen aus der Äbtestadt haben wichtige politische Ämter inne. In den Behörden der Region ist die Frauenquote hingegen tief.
30. November 2017, 07:04
Simon Dudle

Simon Dudle

simon.dudle@wilerzeitung.ch

«Wir Wiler präsidieren gemeinsam den Ständerat.» Diesen Satz sagte Karin Keller-Sutter gestern Abend während des festlichen Empfangs in manches Journalisten-Mikrofon – und vor versammelter Runde auch beim Apéro auf dem Hofplatz. Immer wieder betonte sie ihre Verbundenheit mit jener Stadt, in welcher sie im Jahr 1964 als Katharina-Maria getauft wurde. In der Stadtkirche St. Nikolaus, wo gestern der offizielle Festakt abgehalten wurde, soll dereinst auch ihre Abdankungsfeier stattfinden.

Wil war gestern auf den Beinen, um Karin Keller-Sutter einen grossen Bahnhof zu bescheren. Wil war und ist sichtlich stolz auf die zweite St. Galler Ständeratspräsidentin der Geschichte. Doch nicht nur auf sie. Wil darf auch stolz sein auf seine anderen Power-Frauen. Bis vergangenes Jahr war die Äbtestadt mit Yvonne Gilli und Barbara Gysi gleich doppelt im Nationalrat vertreten. Mit Susanne Hartmann hat die Äbtestadt per 2013 als erste St. Galler Stadt überhaupt eine Präsidentin bekommen.

37 Frauen, 111 Männer

Doch die Frage ist: Was kommt nach? Im St. Galler Regierungsrat ist keine Frau aus dem Wahlkreis Wil vertreten. Im Kantonsrat ist es seit dem Rücktritt der Jonsch­wilerin Martha Storchenegger, die am Dienstagabend zum Ende der Novembersession verabschiedet worden ist, für den Moment nur noch eine Frau: Ursula Egli-Seliner aus Rossrüti.

Ein Blick zu den Gemeinderäten in der Region zeigt: In keiner der 24 Region-Wil-Gemeinden gibt es eine Frauenmehrheit. Von den 148 Gemeinderäten sind nur gerade 37 Frauen. Neben Hartmann gibt es mit Imelda Stalder (Lütisburg) und Monika Scherrer (Degersheim) noch zwei Gemeindepräsidentinnen. «Es braucht Mut, ein solches Amt auszuführen. Oft trauen sich das Frauen nicht zu. Doch sie könnten es», sagt Imelda Stadler zur tiefen Vertretung des weiblichen Geschlechts in den kommunalen Behörden. Sie ergänzt: «Die Erwartungshaltung an Frauen ist höher als bei Männern. Man schaut bei ihnen genauer hin.» In Lütisburg sitzt sie mit lauter Männern im Gemeinderat. «Ich würde es begrüssen, wenn es noch eine Frau mehr dabei hätte. Ich habe aber kein Problem in Männergremien. Die Qualität kommt vor dem Geschlecht», sagt Imelda Stadler.

Monika Scherrer hat einen anderen Grund ausgemacht, warum die Quote tief ist. «Wenn junge Frauen neben der Familienarbeit wieder voll oder in Teilzeit erwerbstätig sind, bleibt schlicht und einfach keine Zeit mehr, um sich auch noch politisch zu engagieren», sagt sie. Von einer Frauenquote hält Monika Schererer, genau wie Imelda Stadler, aber nichts: «Im Gemeinderat Degersheim haben drei Frauen und vier Männer Einsitz. Die beiden wichtigsten Gremien, nämlich die Präsidien der Gemeinde und Schule, sind von Frauen besetzt. Das geht auch ohne Quote. Es liegt an den Parteien», sagt Monika Scherrer.

In Fischingen wäre eine Frau erwünscht

In der Region gibt es genau zwei Gemeinderäte, die ausschliesslich aus Männern bestehen: jene von Tobel-Tägerschen und Fischingen. Willy Nägeli, Gemeindepräsident von Fischingen, sagt: «Es wäre schön, wenn wir eine Frau im Rat hätten. Das gäbe eine vielseitigere Durchmischung. Wenn sich aber niemand zur Verfügung stellt, kann man nur bedauern.» Auch er vertritt aber die Meinung, dass eine geregelte Frauenquote keinen Sinn macht. «Ob Mann oder Frau ist nicht relevant. Die Qualität der Arbeit und die Fähigkeiten sind entscheidend. Mit einer Quote löst man kein Problem», sagt Nägeli.

Polizei zieht ein positives Fazit

Zurück auf den Hofplatz und zum Empfang von Karin-Keller-Sutter. An der gestrigen Feier zeigte sie sich volksnah, liess sich trotz Kälte geduldig ablichten und auf so manchen Schwatz mit der Bevölkerung ein. Ein positives Fazit zog schliesslich die Kantonspolizei St. Gallen. Sprecher Florian Schneider sprach von einem «ruhigen und friedlichen Anlass». Die Polizei war mit einem Grossaufgebot vor Ort, liess des Geschehen mit einem Helikopter überwachen und war auch mit Hunden präsent.29


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