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Tagblatt Online, 05. März 2010 07:26:00

Aus Asche wächst Leben

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Beim Betrachten des Fotoalbums erzählt Griselda Wohlwend der Wiler Zeitung von der besonderen Beisetzung ihrer Mutter im Mai 2009. (Bild: Bilder: Bernard Marks)

DEGERSHEIM. Die Gemeinde Degersheim bietet auf dem Waldfriedhof eine alternative Bestattungsform an. Im Gespräch mit der Wiler Zeitung berichtet Griselda Wohlwend von der Beisetzung ihrer Mutter.

Annina Niedermann

So verschieden die Völker der Erde sind, so unterschiedlich sind ihre Kulturen und somit auch die Art und Weise, von Verstorbenen Menschen Abschied zu nehmen. In Europa werden viele Menschen auf traditionellen Friedhöfen beigesetzt. Das Bedürfnis nach einer alternativen Bestattungsform scheint jedoch immer mehr zu wachsen. Die Gemeinde Degersheim kommt diesem Wunsch entgegen. Seit dem Sommer 2008 bietet sie Bestattungen auf dem Waldfriedhof «Unterer Fuchsacker» an. Dort wurde Griselda Wagner im Alter von 93 Jahren im letzten Mai begraben.

Ihre gleichnamige Tochter, Griselda Wohlwend, ist zufrieden mit dieser Lösung. «Ich habe meinen Frieden gefunden und bin glücklich, einen so schönen Ort als letzte Ruhestätte für meine Mutter gefunden zu haben», erzählt sie. Griselda Wohlwend wandert gern zum Waldfriedhof, wo sie sich unter dem Baum ihrer Mutter und Grossmutter an die schöne gemeinsame Zeit erinnern kann. «Der Waldfriedhof ist für mich nicht nur ein Ort für die Toten, sondern auch für die Lebenden.

Er bietet den geeigneten Hintergrund für Ruhe und Besinnung, für die Verbundenheit der Lebenden mit den Verstorbenen unter Einbezug der Natur», sagt Griselda Wohlwend. Einige Wochen vor dem Tod habe sie ihrer Mutter vom Waldfriedhof erzählt. Griselda Wohlwend hat ihrer Mutter auch erklärt, dass es ihr mehr bedeuten würde, in freier Natur unter einem Baum an sie denken zu können als an einem traditionellen Friedhofsgrab, mit dem Abschied und Trauer verbunden sei.

Mutter Griselda Wagner gefiel diese Idee, denn sie war in ihrem Leben sehr naturverbunden und beinahe jeden Tag im Föhrenwäldi anzutreffen, wo sie die herrliche Aussicht über das Dorf genoss.

Abschied in aller Ruhe

Die Bestattung von Griselda Wagner fand im kleinen Rahmen statt. Die Angehörigen haben ihre Asche im Waldboden in eine Mulde geschüttet und anschliessend kleine Herzen mit ihren letzten Worten an ihre Mutter, Grossmutter oder Freundin auf die Asche gelegt.

Über der Asche wurde schliesslich ein Bergahorn gepflanzt. «Bäume sind Zeugen des Kommens und Gehens der Natur. Auf der Asche meiner Mutter wurde ein junger Baum gepflanzt als Symbol der Hoffnung und als sichtbares Andenken an einen lieben Menschen», erzählt Wohlwend. Jetzt, da Griselda Wagner ihre letzte Ruhe auf dem Waldfriedhof finden konnte, habe sie eine perfekte Aussicht auf das Föhrenwäldli, das ganze Dorf und bei gutem Wetter auf den Bodensee. Sie kann vom Fuchsacker aus sogar auf das Haus ihrer Tochter blicken.

«Für mich war der Moment, in dem die Asche meiner Mutter ausgeschüttet wurde, sehr eindrucksvoll. Andere Menschen haben mit dieser Vorstellung jedoch Mühe», so Wohlwend. Eine solche Bestattungsform sei für viele ältere Menschen unvorstellbar. «In einem Wald kann man doch nicht beten», habe sie häufig zu hören bekommen. Sie selbst sehe das überhaupt nicht so.

Bedürfnis war da

Erwin Stadler, Gemeindeschreiber der Gemeinde Degersheim, berichtet, dass die Idee des Waldfriedhofs gut angekommen sei und auch von der Kirche unterstützt werde. «Es bestand ein echtes Bedürfnis für eine solche Bestattungsform. Bevor es diese Möglichkeit in Degersheim gab, seien manche Degersheimer auswärts beigesetzt worden», erzählt Stadler. Bestattungen auf dem Waldfriedhof erfolgen aus Respekt zur Natur nur im kleinen Rahmen. Auf Grabschmuck wird verzichtet, die Gestaltung des Friedhofes übernimmt die Natur.

Die Asche der Verstorbenen wird entweder durch eine Öffnung im Waldboden zu den Wurzeln eines bestehenden Baumes gegeben oder im Waldboden beigesetzt und ein Baum wird darüber gepflanzt. Auf diese Weise wächst aus der Asche der Verstorbenen neues Leben.





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