Herrn Meyer zum Reden bringen

WIL ⋅ Seit Montag können Flüchtlinge und Migranten die Quartierschule im Islamischen Begegnungszentrum besuchen. Im Unterricht lernen sie auf spielerische Art und Weise Deutsch. Gestern war Besuchstag.
15. September 2017, 05:18
Ursula Ammann

Ursula Ammann

ursula.ammann@wilerzeitung.ch

Die Musik geht an, die Türe auf. Eine Trainerin mit grüner Mütze tanzt herein. Alle stehen auf, klatschen im Rhythmus, ein Lachen huscht über die Gesichter. Dann sind die «Schüler» gefragt. «Der erste Tag der Woche ist der Moooontag», ertönt es aus der Gruppe in voller Lautstärke. Rappend, tanzend, schwingend gehen die Frauen und Männer die ganze Woche durch, und das in wenigen Minuten. Es scheint, als hätten sie diesen Sprechgesang schon seit jeher im Blut. Dabei ist es erst der vierte Tag, an dem sie die Quartierschule besuchen. Diese hat am Montag im Islamischen Begegnungszentrum im Wiler Südquartier den Betrieb aufgenommen.

An diesem Morgen ist Besuchstag. Vertreter von Sozialämtern, aber auch Personen, die sich für den ehrenamtlichen Einsatz als Sprachtrainer interessieren, sind gekommen. Mit einem innigen «Herzlich Willkommen» werden die Besucher von der Gruppe begrüsst. Eine Frau mit Kopftuch und weiten Kleidern breitet voller Enthusiasmus die Hände aus, als wollte sie die ganze Welt zu sich hereinbitten. Gewisserweise ist diese Welt bereits im Raum vertreten. Die Schüler kommen von überall her. Der Unterricht ist offen für Flüchtlinge und Migranten, unabhängig von deren Aufenthaltsstatus. Ziel sei es, ein möglichst niederschwelliges Angebot zu schaffen, das diesen Menschen ermögliche, mit der Sprache, dem Alltag und den Anforderungen in der Schweiz vertraut zu werden, sagt Daniela Graf, Projektzuständige.

Intensives Lernen durch Rollenspiele

«Ich habe Hunger, ich will etwas …», die Sprachtrainerin führt den Satz absichtlich nicht zu Ende und schaut fragend in die Runde. «essen», ruft die Gruppe fast schon unisono. Das Wort wird wiederholt und mit Gestik unterstrichen. «Wir gehen in die …», fährt die Trainerin fort. «Kuche, Küche», antworten mehrere Schüler auf einmal. Die Aussprache des «Ü» scheint vielen schwer zu fallen. Eine junge Frau löst es geschickt. «Restaurant», ruft sie. Alle lachen. Mit Bildern und Bewegungen geht die Übung weiter, bis gekocht, gegessen, geputzt und gewaschen ist.

Die Sprache spielerisch zu vermitteln, gehört zum Konzept. Letzteres wurde von Liechtenstein Languages (LieLa) entwickelt und wird auch in anderen deutschsprachigen Ländern angewandt. «Am Beispiel der Kinder sieht man, dass das Lernen im Spiel ganz intensiv geschieht», sagt LieLa-Ausbildner Martin Beck. Priorität habe, die Leute zu motivieren und zum Reden und Verstehen zu bringen. «Sind die ersten Schritte gemacht, kommt der Erfolg», so Beck. Grammatik büffeln steht in der Quartierschule nicht auf dem Programm. Einige Teilnehmer kennen nicht einmal jene ihrer eigenen Muttersprache. Die Bildungsstände der Teilnehmenden sind sehr unterschiedlich. Leute, die noch nie eine Schule besucht haben, sitzen neben Studierten. Doch alle wollen das Gleiche: Deutsch lernen. Die Sprache ist aber nicht alles, was die Teilnehmenden aus der Quartierschule mitnehmen. Dadurch, dass sie mit Ehrenamtlichen aus ihrer Umgebung zusammenkommen, haben sie bereits Kontakte zu Einheimischen. «So ergeben sich Netzwerke», sagt Daniela Graf. Es sei für sie immer wieder berührend zu sehen, welche Bereitschaft und Freude die Lernenden mitbrächten.

«Ja! Gut!», ruft Sophie Sutter, eine Frau mit gestreiftem Kopftuch, begeistert, als eine richtige Antwort fällt. Karl Becker dreht immer mal wieder die Daumen nach oben, und Jakob Meyer, ein junger Mann mit Gelfrisur, klatscht kräftig, als die Übung zu Ende ist. In Wirklichkeit heissen diese drei Personen ganz anders. Im Unterricht bekommen jedoch alle Karten mit einem Namen aus dem hiesigen Kulturkreis. Das ­erlaubt ihnen, für einmal ihre ­Geschichte hinter sich zu lassen und ganz unbeschwert zu lernen.


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