Gute Nase für heimische Delikatesse

WIL ⋅ Wenn Grossmütter mit einem «Kampfhund» auf Trüffelsuche gehen, dann ist das kein Märchen, sondern Realität. Zumindest für das Alterszentrum Sonnenhof der Thurvita. Dieses hat Petra Kaufmann und ihren Pitbull Tyson engagiert – in kulinarischer Mission.
14. September 2017, 05:20
Ursula Ammann

Ursula Ammann

ursula.ammann@wilerzeitung.ch

Mit seinen weissen Pfoten tippelt Tyson über die grüne, von ersten Herbstblättern bedeckte Wiese. Seine Nase führt der Pitbull ununterbrochen durchs Gras. Dann hält er inne, beginnt zu scharren. Sofort nimmt Petra Kaufmann ein Guezli aus der Bauchtasche und belohnt ihren Hund damit. Doch eigentlich ist es auch eine Ablenkung. Schliesslich darf Tyson den Burgundertrüffel oder Sommertrüffel, der da allenfalls in der Erde auf ­Wiler Stadtgebiet schlummert, nicht mit seinen Krallen verletzen – und schon gar nicht essen. Die unterirdisch wachsenden Pilze sind für das Risotto im Alterszentrum Sonnenhof bestimmt, eine Spezialität aus der Küche des «Chez Grand Maman». Die «Grand-Mamans», diesmal in Person von Milly Haug und Liselotte Prinz, beobachten zusammen mit Andreas Bucher, Leiter Hotellerie der Thurvita, gespannt, wie der Pitbull in seinem Element ist. Bereits zum zweiten Mal sind sie bei der Trüffelsuche dabei. Eine solche Kostbarkeit in den Händen zu halten, sei «fast wie ein Wunder», sagt Liselotte Prinz. «Mein ganzes Leben lang habe ich nur von Trüffeln gehört, aber noch nie einen gesehen.» Auch den Pitbull hat die 80-Jährige ins Herz geschlossen. Angst hat sie nicht vor ihm, obwohl er einer gefürchteten Rasse angehört.

Auf die Verschwiegenheit der Grand-Mamans ist Verlass

Tyson ist ursprünglich ein Rettungssuchhund. Als solcher war er sich früher ein hartes Training gewohnt. Dieses wollte Petra Kaufmann ihrem Hund, nachdem dieser an Tumoren erkrankt war, aber nicht mehr zumuten. Bewegung braucht der Pitbull trotzdem. So beschloss die Kirchbergerin, ihm das «Trüffeln» beizubringen. Heute kann sie ihm einen Trüffel unter die Nase halten, und schon ist Tyson voll bei der Sache. Die Ausbildung, respektive Konditionierung dauerte gut drei Monate. Die Suche nach geeigneten Plätzen aber nahm gut drei Jahre in Anspruch. Kein Wunder also, dass Petra Kaufmann, die schon als Kind mit ihrem Grossvater Pilze sammeln ging, die Örtlichkeiten nicht verraten will. Es geht ihr auch darum zu verhindern, dass die unterirdischen Juwelen unsach­gemäss herausgenommen werden. «Manchmal sind die Leute so überwältigt, wenn sie einen Trüffel finden, dass sie vergessen, das Loch wieder zuzumachen», erklärt sie. Damit bestehe die Gefahr, dass es zu einer Austrocknung der Sporen und der kleinen feinen Baumwurzeln komme, auf die der Pilz angewiesen sei. «Beachtet man hingegen die Regeln, können Trüffel unbegrenzt nachwachsen wie die Früchte an einem Apfelbaum», erklärt Petra Kaufmann.

Auf die Verschwiegenheit der «Grand-Mamans» kann sie sich aber verlassen. Milly Haug ist auch schon gefragt worden, wo sich die Trüffelplätze befänden. «Dann erkläre ich jeweils, dass das ein Geheimnis bleibe», sagt die 87-Jährige.

Doch weshalb widmet sich ausgerechnet ein Wiler Alterszentrum der Trüffelsuche? Die Idee kam von Andreas Bucher. Der Leiter Hotellerie der Thurvita erinnerte sich an eine unvergessliche Szene an seinem früheren Arbeitsort, in einem Hotel im Berner Oberland. Eine ältere Dame sei mit einem Trüffel in der Hand an die Réception gekommen. Ihr Hund habe diesen gefunden, sagte sie. Von da an habe man Gerichte mit lokalen Trüffeln auf der Speisekarte angeboten.

Eine willkommene Abwechslung

Auch der Trüffel-Risotto im «Chez Grand-Maman» ist beliebt. «Es gibt sogar Leute, die extra wegen diesem zu uns ins Restaurant kommen», sagt Bucher. Doch das ist nur eine schöne Nebenerscheinung. Es gehe bei der Aktion auch darum, mit den Bewohnern ab und zu «raus zu kommen». Das kommt gut an. «Ich finde diese Abwechslung, welche die Trüffelsuche mit Tyson bietet, sehr toll», sagt Milly Haug.

Was Andreas Bucher zusätzlich gefällt, ist die Tatsache, dass nicht nur die Bewohnenden des «Sonnenhofs» harmonische Stunden miteinander verbringen, sondern dies sogar noch zusammen mit einem als «Kampfhund» verschrienen Pitbull. «Tyson ist das beste Beispiel, dass diese Rasse oft zu Unrecht verurteilt wird», sagt er.

An diesem Nachmittag sind die Bedingungen für die Suche optimal. Die Wiese ist noch nass vom Regen. Die Sonne scheint ab und zu hinter den Wolken hervor. Wieder scharrt Tyson in der Wiese. Wieder bestätigt Petra Kaufmann ihn mit einem Guezli. Wieder nimmt sie den Löffel hervor und gräbt damit in der Erde. Die Freude ist gross, als der Trüffel zum Vorschein kommt. Und es bleibt bei diesem einen Pilz. Zwar hat der Pitbull ein paar Mal die Wiese angekratzt, doch meist handelte es sich um einen Fehlalarm. Etwas, das in der Regel nicht passiert, wenn Petra Kaufmann mit ihrem Hund allein unterwegs ist.

Doch Tyson ist angesichts des beachtlichen Begleitkomitees leicht nervös. Und mit einem Besuch der Presse hat der Vierbeiner schon gar nicht gerechnet. Das wirft ihn an diesem Nachmittag etwas aus dem Konzept. Er ist eben keine Maschine, sondern ein ganz gewöhnlicher Hund – mit einer guten Nase für Trüffel.


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